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Angriff sollte verhindern, dass Sowjets Uran in die Hände fällt

Rüstungswettlauf begann bei Auer

Friedhelm Brennecke / 13.03.2015, 16:58 Uhr
Oranienburg (MZV) 13 Luftangriffe zwischen 1940 und dem 20. April 1945 gab es im Zweiten Weltkrieg auf Oranienburg. Der Angriff vom 15. März 1945 war der verheerendste. An diesem Tag wurden allein 4 022 Sprengbomben mit den tückischen chemischen Langzeitzündern abgeworfen, die die Kampfmittelräumer bis heute vor große Probleme stellen.

Der 15. März 1945 war ein milder Frühlingstag. Über Oranienburg erstrahlte ein blauer Himmel, und es herrschte klare Sicht. In der Abteilung "Seltene Erden" der Auer-Werke an der Lehnitzstraße 50 bis 58 (Werk I) waren an diesem Tag nur wenige Mitarbeiter im Einsatz. Lediglich in der Verwaltung der Auerwerke an der Ecke Lindenstraße wurde regulär gearbeitet, ebenso im Werk II, der "Volksgasmaskenfabrik" an der Kurfürstenstraße (heute André-Pican-Straße), wo viele Zwangsarbeiterinnen schuften mussten.

Schon ein Jahr vorher, am 6. März 1944, forderte ein schwerer Bombenangriff auf Oranienburg 82 Menschenleben. Dass aus der Luft neues Ungemach drohen könnte, damit mussten die Oranienburger rechnen - selbst als der Krieg im Frühjahr 1945 längst entschieden war.

In nur 45 Minuten legte am 15. März ab 14.51 Uhr ein Geschwader aus 612 Bombern die Stadt in Schutt und Asche. Aus einer Höhe zwischen 6 250 und 8 100 Metern ließen die Maschinen bei bester Sicht ihre tödliche Last aus 4 977 Sprengbomben und 713 Brandbomben auf Oranienburg fallen. Wie viele Menschen bei diesem verheerenden Bombenhagel ihr Leben verloren, ist nicht genau bekannt. In den Oranienburger Sterbebüchern sind 260 Opfer registriert. Aber allein im Auer-Werk II, östlich des Bahnhofs, sollen nach Zeitzeugenberichten mehr als 380 Zwangsarbeiterinnen ums Leben gekommen sein.

Als Ziel der Bomber haben die Amerikaner für den 15. März neben dem Wehrmachtshauptquartier in Zossen den Oranienburger Verschiebebahnhof angegeben. Von den Auer-Werken - zu beiden Seiten des Bahnhofs gelegen - war nicht die Rede. Und doch dürften sie das eigentliche Ziel der Angriffe gewesen sein. Spätestens seit Mitte 1944 war den Amerikanern bekannt, dass in Oranienburg Uranerze für Reaktorzwecke verarbeitet wurden.

Uran aus Belgisch-Kongo war den Deutschen als leichte Kriegsbeute in Belgien in die Hände gefallen. Nach der Besetzung des Sudetenlandes bedienten sich die Deutschen auch der Uranerze aus böhmischen Gruben.

Im Wettlauf um die Entwicklung der Atombombe hatten die Amerikaner 1945 Sorge, dass Know-how und Material den anrückenden Russen in die Hände fällt. Das sollte verhindert werden. Die Einigkeit der Alliierten im Kampf gegen Nazi-Deutschland bekam mit dem Bombardement auf Oranienburg vor 70 Jahren bereits erste Risse.

Der strategische Erfolg der Amerikaner aber war trotz der Zerstörung der Auer-Werke nur mäßig. Denn Nikolaus Riehl, Leiter der Auer-Uranproduktion in Oranienburg, wurde mit anderen Wissenschaftlern in die Sowjetunion gebracht, um dort am Atombombenprojekt zu arbeiten. Rund 100 Tonnen Uranoxid, 900 Tonnen Monazitsand und 125 Tonnen Thoriumverbindungen stellte die Rote Armee in Oranienburg sicher und brachte das radioaktive Material in die Sowjetunion.

Riehl leitete bis 1950 die sowjetische Uran-Produktion. Ende August 1949 konnte die erste sowjetische Atombombe gezündet werden. Riehl, Sohn einer russischen Mutter und eines deutschen Vaters, wurde für seine Arbeiten am sowjetischen Kernforschungsprojekt unter anderem mit dem Stalin- und dem Leninpreis ausgezeichnet. 1955 durfte der Nuklearchemiker nach Deutschland zurückkehren, wo er ab 1957 an der Einrichtung des Forschungsreaktors in Garching bei München beteiligt war.

Selbst 70 Jahre nach dem Bomben-Inferno kämpft Oranienburg noch mit einer stattlichen Zahl explosiver Langzeitzünder-Bomben, die am 15. März 1945 auf sie niedergingen, die noch im Boden schlummern, die aber jederzeit detonieren können.

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