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Als Zehnjährige wollte Rosemarie Kiepsch am 15. März 1945 die Sonne genießen / Ihre Flucht endete in Alt Ruppin

Unterwegs in Kniestrümpfen

Bomben Oranienburg Serie 70 Jahre Kriegsende 15.3. 45
Rosemarie Kiepsch geboen 3.4.1934
Bomben Oranienburg Serie 70 Jahre Kriegsende 15.3. 45 Rosemarie Kiepsch geboen 3.4.1934 © Foto: MZV
Burkhard Keeve / 13.03.2015, 17:02 Uhr
Oranienburg (MZV) Es war doch so schön draußen. Nach dem Wintergrau und dem täglichen Grauen im Herzen: Blauer Himmel, kein Wölkchen zu sehen, die Sonne schickte erste wärmende Strahlen. Die fast elfjährige Rosemarie quengelte so lange, bis ihre Mutter ihr endlich erlaubte, die heißgeliebten Kniestrümpfe anzuziehen. 70 Jahre ist das jetzt her.

Da wohnte Rosemarie Kiepsch mit ihrer Schwester und Bruder Horst in der Berliner Straße 46 in Oranienburg, unmittelbar neben der Polizeiwache, die heute dort noch ihre Adresse hat. Und Rosemarie bettelte weiter. Sie wollte so gern raus - zur Freundin in die Kolonie Havelfreunde hinterm Schloss. Kann ich nicht gehen? Als die Mutter endlich ja sagte, jagte sie los mit ihrem Rock und den Kniestrümpfen. Es war der 15. März 1945.

Bei der heute 84-jährigen Rosemarie Kiepsch ist dieser Tag tief ins Gedächtnis eingebrannt, noch mehr aber, was danach geschah. Wenn sie dann ihren Blick nach Innen richtet, ist der Schmerz der Vergangenheit auch heute noch deutlich zu spüren. Doch jetzt redet sie schnell - nimmt die Hände und Arme zu Hilfe, die nicht ruhig liegen bleiben können.

Sie sieht sich wieder im Garten stehen hinterm Schloss, als zum ersten Mal die Sirenen heulten und sie erstarrte. "Ich hatte so ein ungutes Gefühl." Wenig später nimmt sie die Beine in die Hand. "Ich wollte lieber schnell nach Hause." Sie rennt, ohne anzuhalten und ohne, dass sie jemand anhielt. Am Schloss vorbei, am Hotel Eilers, die Berliner Straße entlang. Niemand war mehr unterwegs. In den Schutzkellern herrschte Gedränge.

Ihr Vater hatte 1944 angefangen, im Garten einen Bunker zu bauen, richtig mit Eisentür und Treppe runter, "so acht, neun Stufen", mit einem Vorbau und einer Tür zum Verschließen. Ihr Vater wusste, was Bomben anrichten können. "Er war im Ersten Weltkrieg."

Zehn Kinder hatte ihre Mutter geboren. Das erste 1918, das letzte 1936, Horst. Bei der Mutter lebten im März 1945 nur noch die Kinder Nummer 8, 9 und 10 in Oranienburg. Rosemarie war die Nummer acht und damit die älteste der drei Jüngsten.

Als Rosemarie völlig außer Atem im Garten beim Bunker ankam, "standen sie noch herum und quasselten". Doch dann blickten alle wie gebannt nach oben. Sie hörten ein übermäßig lautes Brummen, und ein Rauschen lag in der Luft. "Da fielen auch schon die Bomben", und sie rannten in den Bunker. "Meine kleine Schwester rief die ganze Zeit: ,Sie treffen uns nicht! Sie treffen uns nicht!'" Es nutzte nichts. Wenig später krachte es heftig, und Rosemarie Kiepsch, die an der Bunkertür stand, flog durch die Luft. Sie hatte dort gestanden, weil die Tür immer so klapperte, wenn irgendwo eine Bombe detonierte. Sie hatte Glück. Nur die Lippe war aufgeplatzt. Dann sind alle nach draußen gerannt. Das Dach von ihrem Wohnhaus war weg, es brannte. Phosphorbomben. "Es war so heiß." Sie liefen um zwei kleinere Bombenkrater im Garten herum. Darin Bomben, die noch nicht hochgegangen waren.

In die Wohnung zurück konnten sie nicht: zu kaputt und zu gefährlich. Zunächst suchten sie Schutz im Eiskeller der Brauerei in der Nachbarschaft und warteten. Irgendwann war dann ihr Vater plötzlich da und brachte sie alle zu seiner Schwester in die Kanalstraße. "So, wie wir waren. Mit nichts in der Hand, standen wir plötzlich vor ihrer Tür. Ich hatte nur noch einen Schuh an." Ihre Tante nahm sie auf, wie sie waren. Doch dort gab es keinen Schutzkeller für sie alle, und immer, wenn es Alarm gab, rannten sie in den Schlosspark an der Orangerie vorbei, um sich unter den großen Bäumen zu verstecken. Keine zwei Tage nach dem verheerenden Bombenangriff ging ihre Mutter zum Amt. Dort erhielt sie eine "Betreuungskarte für Fliegergeschädigte" und erst einmal zwei Decken, aus denen sie Jacken für ihre Kinder schneiderte. "Meine Tante hatte ja nichts." Den Bezugschein hat Rosemarie Kiepsch aufbewahrt. Darauf steht, dass ihre Mutter eine Kartoffelkarte, zwei Schlafdecken und einen "Bezugschein für Spinn- und Schuhwaren" erhalten hat.

Lange blieb die Familie nicht bei der Tante in der Kanalstraße. Sie packten ihre wenigen Sachen und flüchteten zu Fuß vor den einmarschierenden Russen. In Hohenbruch fanden sie Unterschlupf "auf dem Gutshof bei Bauer Schulz", wie sich Rosemarie Kiepsch erinnert. Den Rest möchte sie lieber vergessen. Die Toten am Straßenrand, die aufgeschlitzten Tierkadaver, die Russen, die sie Mitte April einholten. Da waren die ausgebombten Oranienburger schon bis Alt Ruppin gekommen.

In einem Haus erholten sie sich von den Strapazen. Sie, die jüngere Schwester und der kleine Bruder, ihre Mutter und ihr Vater. Da hämmerte es an der Tür. Ihr Vater nahm die Kinder mit nach draußen, ihre Mutter blieb zurück. "Ich gehe zur Kommandantur", rief ihr Vater noch den Russen zu, die sich davon unbeeindruckt zeigten. Niemand wurde zur Rechenschaft gezogen, sagt Rosemarie Kiepsch, nein, niemand.

Dann verlieren sich ihre Erinnerungen. Die Familie geht zurück nach Oranienburg, wohnt in der Heinkelsiedlung, schließlich im Armenhaus in der Gartenstraße. Die 84-Jährige redet jetzt viel langsamer. Drei der zehn Kinder von damals leben noch: Horst, Gerda und Rosemarie Kiepsch. Drei ihrer Brüder hat der Krieg verschluckt: Paul (vermisst), Rudi (gefallen in Belgien) und Fritz. Er fiel in Italien.

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