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Doris Schröder aus Bärenklau erlebte den Krieg in Königsberg / Den Bombenangriff auf Oranienburg kennt sie aus Erzählungen

"Es sah aus wie Silberregen"

Doris Schröder
Doris Schröder © Foto: MZV
Katrin Hartmann / 13.03.2015, 17:07 Uhr
Bärenklau (MZV) "Meine Schwester und mein Vater haben gesagt, es sah aus wie Silberregen, als die Bomben fielen", erzählt Doris Schröder. Die 89-Jährige war zum Zeitpunkt des Bombenangriffs auf Oranienburg am 15. März 1945 selbst nicht vor Ort. Das, was sie weiß, hat sie aus den Erzählungen ihrer Familie. "Die haben den Angriff aus der Ferne gesehen. Sie waren hier in unserem Haus in Bärenklau. Es soll wunderschönes Wetter gewesen sein. Mehr weiß ich nicht."

Dabei sind die Erfahrungen, die die junge Frau vor, während und nach dem Bombenangriff durchlebt hat, nicht minder einprägsam. "Ich war damals 17 Jahre und wollte eigentlich bei der Post arbeiten. Ich musste aber erst noch mein Pflichtjahr machen." Dafür wollte die Bärenklauerin nach Saarbrücken. "Mein Vater war strikt. Ich sollte in der Nähe bleiben." Aus ihrer Reise Richtung Westen wurde allerdings nichts. Stattdessen setzte man Doris Schröder als Hausmädchen in Bärenklau ein. Der Herr des Hauses, in dem sie ihre Arbeit verrichtete, war streng. "Neben mir gab es noch ein ukrainisches Mädchen, das dort gearbeitet hat. Ich weiß nicht, wie sie es ausgehalten hat. Er hat ihr Asche über das Gesicht geschmiert, wenn er der Meinung war, sie habe etwas nicht richtig gemacht. Und ich musste einen Hasen abziehen. Das hatte ich ja auch noch nie gemacht", erinnert sich die 89-Jährige. In ihrem Haus sei der Ton zwar auch streng gewesen, aber die Erlebnisse aus dem Pflichtjahr haben sich bei ihr eingebrannt.

Aus dem Pflichtjahr wurden nur zwei Wochen. "Ich habe es dort nicht mehr ausgehalten. Ich bin dann bei Nacht und Nebel auf einem Fahrrad wieder nach Haus. Und das ukrainische Mädel hat mir dabei auch noch geholfen. Ich weiß nicht, was aus ihr geworden ist." Nachdem sie wieder bei ihren Eltern angekommen war, erzählte sie, wie man sie behandelt hatte. In den nächsten Tagen ging Doris Schröder wieder zur Arbeitsvermittlung. Dort verkündete man ihr etwas belustigt, dass andere Mädchen bereits nach einem Tag aus dem Haus getürmt seien.

Königsberg war die nächste Station für Doris Schröder. Dort lernte sie bei der Luftwaffenvermittlung. Als Wetterdiensttechnikerin war es ihre Aufgabe, den Nachtfliegern den Wetterbericht durchzugeben. "Und dann hieß es, der Russe kommt. Wir wollten mit dem Zug zurück nach Hause, aber das konnten wir vergessen. Das war eine riesige Menschentraube, so etwas hatte ich noch nicht gesehen." Eine Alternative musste her.

Mit einer anderen jungen Frau erwischte sie eine JU 52, ein kleines Flugzeug, das die Frauen nach Stargard (heute: Szczeciski in Polen) flog. Dort hieß es dann: "Seht zu, wie ihr nach Haus kommt." Wie sie Bärenklau erreichte, daran kann sie sich heute nicht mehr genau erinnern. "Ich weiß nur noch, wir haben zwei Tage für die Strecke gebraucht." Doch der Aufenthalt in Bärenklau war nicht von langer Dauer. Mit einem Schweinetransport ging es für Doris Schröder von Velten in ein Lazarett nach Halle. "Ich hatte eine schwere Nierenbeckenentzündung und litt unter schrecklichen Schmerzen. Immer wenn Bombenalarm war, schleppten sie uns in den Wald." Und dann waren die amerikanischen Truppen da.

Doris Schröder kam in ein Gefangenenlager nach Bad Kreuznach. "Es war schrecklich. Ich hatte meine Nierenbeckenentzündung noch immer nicht überwunden. Wir waren 18 Frauen, die dort in einem Zelt untergebracht waren." Den Männern erging es aber weitaus schlimmer. Sie hatten keine Zelte, sondern nur Decken. Es war Winter und es war kalt. Jeden Morgen wurden die Toten von den amerikanischen Soldaten aus dem Lager getragen. "Es sind so viele an Typhus gestorben." Als Tagesration bekamen die Gefangenen eine Pellkartoffel und einen Löffel Fisch.

Wie und warum sie wieder aus dem Gefangenenlager kam, ist aus ihren Erinnerungen verschwunden. Ihr Weg zurück nach Bärenklau führte sie über Thüringen, wo sie bei einem Bauern unterkam. "Als die Russen dort vorbei kamen, wollte er seine eigene Tochter schützen und zeigte mit dem Finger nach oben zum Dachboden. Dort habe ich gewohnt." Was dann passierte, daran möchte sie sich lieber nicht mehr erinnern.

"Mensch, Doris, was machst du denn hier? Das haben sie zu mir gesagt, als ich wieder nach Hause kam." Ihre Eltern und ihre Schwester hatten den Krieg überlebt. Das Haus in Bärenklau war von den russischen Soldaten zugenagelt worden.

Wenn sie heute über die Erlebnisse nachdenkt, wird ihr erst klar, wie viel Tragik eigentlich dahinter steckt. "In den Momenten musste man einfach durch. Man hatte ja keine Gelegenheit, weiter darüber nachzudenken. Wir waren alle Opfer des Faschismus."

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