Das Nachrichtenportal für Brandenburg
Startseite Märkische Onlinezeitung - MOZ.de

Erinnerung an den 15. März 1945
"Wir haben gesehen, wie die Bomben fielen"

Jürgen Nitschmann erinnert sich noch genau an die Bombardierung der Stadt Oranienburg vor 75 Jahren.
Jürgen Nitschmann erinnert sich noch genau an die Bombardierung der Stadt Oranienburg vor 75 Jahren. © Foto: Klaus D. Grote
Klaus D. Grote / 15.03.2020, 11:13 Uhr
Oranienburg (MOZ) An viele Einzelheiten des Bombenangriffs am sonnigen Nachmittag des 15. März 1945 erinnert sich Jürgen Nitschmann noch sehr genau. Als er mit seiner Mutter in den Luftschutzbunker lief, sah er die Flugzeuge schon am Himmel. "Wir haben sie gesehen und gehört. Wir haben auch gesehen, wie die Bomben fielen." An das surrende Geräusch der fallenden Bomben kann sich der 82-Jährige ebenfalls gut erinnern. "Das vergisst man nicht."

Dann beschreibt der 82-Jährige, wie er die Detonation der Bomben erlebte. "Man spürt zuerst den Druck und hört erst danach den Knall." Auf dem Grundstück an der Eichendorffstraße in Eden steht heute ein Wohnhaus, wo sich früher der Bunker für 20 bis 30 Anwohner befand: dicke Betonwände, darüber Erde und Grünzeug zur Tarnung. "Drinnen saßen fast nur Mütter und Kinder. Die Männer waren ja im Krieg. Mein Vater auch. Er kam erst 1947 aus Kriegsgefangenschaft zurück", sagt Nitschmann. Der einzige Mann im Bunker war der Luftschutzwart. In der Erinnerung von Jürgen Nitschmann war der ein übler Typ. "Eine polnische Arbeiterin mit ihrem Kind hat er nicht reingelassen." Niemand habe sich getraut, etwas dagegen zu sagen – aus Angst, dann selber den Bunker verlassen zu müssen. Die Polin mit Kind habe er dann nie wieder gesehen.

Andere Leute in Eden hätten sich einfache Erdlöcher gegraben, um bei Angriffen Schutz zu suchen. "Unsere Nachbarin hatte ein Loch unterm Küchenfußboden. Darin kauerten die Menschen, während die Bomben fielen", so Nitschmann.

Nach dem Ende des Angriffs am 15. März 1945 kam um 15.31 Uhr die Entwarnung. Die Leute kletterten aus ihren Löchern und Luftschutzräumen. Unweit des Elternhauses war eine Bombe gefallen und detoniert. Nitschmann beschreibt den riesigen Krater und die Folgen: "Eine Außenwand und das Dach unseres Hauses waren zerstört. Das Bett in meinem Zimmer stand im Freien. Ich konnte tagelang in den Sternenhimmel gucken."Jürgen Nitschmann zeigt die Stelle, an der damals sein Bett stand. Seit acht Jahren lebt er wieder im Haus seiner Kindheit, das er im Alter von 14 Jahren verlassen hatte, um in Berlin ein Internat zu besuchen. Nur so konnte er sein musikalisches Talent schulen lassen und später die Musikhochschule besuchen.

Im Alter von sieben Jahren habe er den Krieg und die Bombenangriffe auf kindliche Weise aufregend empfunden. Mit seiner Freundin, dem Nachbarskind Anita, hatte er eine Kanone gebaut, mit der die beiden Kinder die Flieger abschießen wollten. "Dass dann nebenan eine Bombe fiel, ließ uns glauben, die Amerikaner hatten Angst vor unserer Kanonen und sie deshalb bombardiert."

Erst spät verstanden

Bei einem anderen Bombenalarm sei er zusammen mit einem Freund aus der Hans-Schemm-Schule nach Hause gelaufen. "Wir durften die Schule dann eigentlich nicht verlassen. Aber wir habe es trotzdem getan." Damals seien die Bomber schon am Himmel gewesen. Die Kinder verwechselten die Gefahr mit einem Abenteuer.

Was die Bombardierungen auf Oranienburg bedeuteten, sei ihm erst später bewusst geworden. "Es war irgendwann fast normal, dass in den Straßen Leichen lagen", berichtet Jürgen Nitschmann. Einmal sei er in dunkler Nacht vor dem eigenen Haus in Eden über einen Menschen gestolpert und auf ihn gefallen. Erst als die Mutter eine Lampe herbeiholte, hätten sie sehen können, dass er auf einen getöteten sowjetischen Soldaten gefallen war. Die Mutter habe darauf bestanden, den Toten zu begraben. "Wieso, der ist doch ein Russe?", habe er entgegnet. Die NS-Propaganda hatte auch sein kindliches Denken beeinflusst. Die Mutter erklärte dem Sohn jedoch etwas anderes. "Sie hat gesagt, dass auch dieser junge Soldat eine Mutter habe, die irgendwo auf ihn warte und hoffe. Sie werde ihn niemals wiedersehen und noch nicht einmal sein Grab besuchen können."

Dieses Mitgefühl habe seiner Mutter Anfeindungen anderer deutscher Frauen eingebracht. Beerdigt wurde der Soldat trotzdem. Nitschmann erzählt dann über Solidarität und gegenseitige Hilfe im Krieg. Und er erwähnt seinen gleichaltrigen Cousin Jürgen Nitschmann der sich ebenfalls an den 15. März erinnert. "Wir wohnten in der Berliner Straße 4, an der Ecke Blutgasse. Wir liefen in den Keller, dort befand sich ein Luftschutzraum. Das Hinterhaus bekam einen Volltreffer. Wir konnten aber in unserer Wohnung bleiben", berichtet Erich Nitschmann. Das Haus ist lange verschwunden. Die bis heute bestehende Brache gegenüber dem Schloss blieb die sichtbare Narbe des Krieges.

Viel schlimmer als der Krieg sei für ihn die Zeit danach gewesen, sagt Jürgen Nitschmann. "Wir haben gehungert." Einige Bauern hätten sie Situation ausgenutzt und für ein paar Eier ein Federbett erhalten. "Ich habe Brennnesseln gesammelt und um Kartoffelschalen gebettelt. Dar­aus haben wir eine Suppe gekocht. Rotzsuppe haben wir dazu gesagt", erinnert sich der 82-Jährige. Seinen Teddybär Bernhard habe er damals "kaputt geliebt." Jürgen Nitschmann war völlig abgemagert, litt an Tuberkulose.

Während er erzählt, wird Jürgen Nitschmann immer wieder nachdenklich. Dass sich heute Menschen trauen, die Vergangenheit zu verharmlosen oder Naziideologien nachzuhängen, will er einfach nicht verstehen.

Schlagwörter

Leserforum

Um einen Kommentar zu schreiben, melden Sie sich bitte oben rechts an. Falls Sie noch keinen Login haben, registrieren Sie sich bitte.

Alle Leserkommentare geben ausschließlich die persönlichen Ansichten und Meinungen des Autors wieder und sind keine redaktionelle Meinungsäußerung. Für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Inhalte übernimmt die Redaktion keinerlei Gewähr.

Ihr Kommentar zum Thema

Kommentartitel
Name
(öffentlich sichtbar)
Email
(wird nicht veröffentlicht)
© 2020 MOZ.de Märkisches Medienhaus GmbH & Co. KG