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Gedenken
Unvorstellbares Leid in den Lagern Ravensbrück und Sachsenhausen

Klaus D. Grote / 18.04.2020, 12:03 Uhr
Oranienburg (MOZ) Ich war ganz auf mich allein gestellt. Jeder Schritt, den ich gemacht habe, konnte mir das Leben retten oder mich in den Tod treiben."  So erinnert sich der im vergangenen Jahr im Alter von 90 Jahren verstorbene Zwi Steinitz an den Todesmarsch, den viele andere nicht überlebt hatten. Als die Rote Armee aus Richtung Osten näher rückte, ließ die SS das KZ Sachsenhausen räumen, damit die Inhaftierten nicht befreit werden konnten. 33 000 der noch verbliebenen 36 000 Häftlinge wurden in Gruppen von 500 Häftlingen nach Nordwesten in Marsch gesetzt. Sowjetische und polnische Truppen erreichten das Konzentrationslager Sachsenhausen am 22. und 23. April. Sie trafen auf 3 000 Kranke, Ärzte und Pfleger, die dort verblieben waren. Etwa 300 von ihnen starben in den folgenden Wochen an Krankheit und Unterernährung als Folgen der Haft.

50 Überlebende kommen nicht

An diesem Wochenende wäre an die Befreiung der Lager Ravensbrück und Sachsenhausen vor 75 Jahren  erinnert worden. Insgesamt 50 Überlebende hatten ihren Besuch angekündigt. Die Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten hatte ein umfangreiches Programm vorbereitet, neben den Gedenkfeiern auch Diskussionen und Musik sowie eine außerordentliche Sitzung der Oranienburger Stadtverordneten in der Gedenkstätte Sachsenhausen. All das fällt wegen der  Corona-Verordnungen aus. Erinnert wird an den Jahrestag trotzdem.

Die Stiftung veröffentlicht Redemanuskripte und Biografien von Überlebenden. Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) und Brandenburgs Kulturministerin Manja Schüle (SPD) legten bereits am Donnerstag in Ravensbrück Kränze ab und sprachen virtuelle Botschaften. Der rbb drehte seit einigen Tagen Material für eine Dokumentation über den Jahrestag, die am Sonntag ausgestrahlt wird. Auch die Stiftung  veröffentlicht ab Sonntag neben Videobotschaften von Überlebenden und von Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD)  Clips über künstlerische und pädagogische Projekte, die als Teil der Veranstaltungen geplant waren, darunter Musik von Mitgliedern des Moka Efti Orchestra.

Bezug zur Gegenwart

Axel Drecoll, der Direktor der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten, drückte noch einmal sein Bedauern aus, dass zum 75. Jahrestag keine Begegnung mit den Überlebenden möglich sei. "Gerade heute, in einer Zeit, in der fremdenfeindliche und rassistische Bewegungen in Deutschland und Europa an Stärke gewinnen, ist die Aufarbeitung der NS-Verbrechen von fundamentaler Bedeutung. Dabei ist es vor allem wichtig, die Stimmen derer zu hören, die den Terror der Konzentrationslager überlebt haben." Es seien diese persönlichen Erfahrungen, die uns das menschenverachtende System der nationalsozialistischen Machthaber eindrucksvoll vor Augen führten, so Drecoll. "Sie helfen uns dabei, unsere Zukunft auf den Fundamenten von Solidarität, der Achtung von Vielfalt und dem Respekt gegenüber jedem Mitmenschen zu gestalten."

Zwi Steinitz war jemand, der Achtung und Respekt vorlebte und vor allem vielen jungen Menschen näherbrachte. Dabei hatte er in Deutschland genau das Gegenteil erlebt. Vier Konzentrationslager und zwei Todesmärsche hatte er überlebt. Auch in Oranienburg hatte Steinitz  immer wieder von seinen Erlebnissen berichtet und dabei auch für Menschlichkeit und Respekt geworben. "Es war mir wichtig, Mensch zu bleiben", hat Zwi Steinitz dabei immer wieder gesagt.

"Die Angst, erschossen zu werden, hat mich den ganzen Weg begleitet", berichtete Zwi Steinitz vom Todesmarsch, den 300 Menschen nicht überlebten, weil sie willkürlich erschossen wurden oder zusammenbrachen und zurückblieben.

Um das 1936 während der Olympischen Spiele in Berlin in Betrieb gegangene Lager Sachsenhausen hatte sich die Stadt Oranienburg regelrecht beworben.  So profitierten vor allem Betriebe von der Ansiedlung, weil KZ-Insassen als Zwangsarbeiter in der Produktion eingesetzt wurden. Als im Herbst 1941 mit der Hinrichtung von mehr als 10 000 Häftlingen aus der Sowjetunion die größte Massenmordaktion des Lagers stattfand, blieb das der Stadt nicht verborgen. "Der Geruch des Krematoriums lag ständig über der Stadt", erinnerte sich die Oranienburgerin Marianne Berger in einer TV-Dokumentation. Sie hatte viele Erinnerungen aus ihrer Kindheit an die Häftlinge behalten. Sie beobachtete, wie Menschen vom Bahnhof ins Lager getrieben wurden, sah die gestreifte Häftlingskleidung und berichtete, wie einmal eine mit Menschen vollgestopfte offene Lore während einer frostigen Nacht  im Bahnhof regelrecht ausgeschüttet wurde. Nur zwei oder drei Menschen darin hätten noch gelebt. Die anderen waren erfroren.

Die Befreiung des Lagers wird als längerfristiger Prozess  beschrieben. Es gab keine Häftlinge, die ihre Befreier bejubelten. Horst Seferens, Sprecher der Gedenkstättenstiftung, sagt, dass der Prozess Ende 1944 begann und erst mit dem Verlassen des Stammlagers durch die letzten Häftlinge im Sommer 1945 endet". "Während in der zweiten Aprilhälfte 1945 die ersten Häftlinge, vor allem aus den skandinavischen Ländern, dank der Initiative des Grafen Folke Bernadotte in Bussen des Roten Kreuzes ihrer Heimat entgegen fuhren, fanden im Industriehof des Konzentrationslagers Sachsenhausen immer noch Massenexekutionen statt", schreibt Seferens.

SS verübt Massenmorde

Kurz vor dem Eintreffen der sowjetischen und polnischen Truppen versuchte die SS auf Befehl des Lagerkommandanten Kaindl noch, die Spuren der Massenexekutionen zu beseitigen. Die Asche tausender ermordeter Häftlinge wurde in den Hohenzollernkanal (heute Oder-Havel-Kanal) geschüttet, fast sämtliche Akten wurden vernichtet. Bis heute ist unklar, wie viele Menschen genau in Sachsenhausen ums Leben kamen.

"Die Situation im Konzentrationslager Sachsenhausen war in der Schlussphase des NS-Regimes geprägt durch Panik und Auflösung" wie der norwegische Häftling Odd Nansen berichtet hat", so Seferens. Seit Ende 1944 trafen Räumungstransporte aus den östlich gelegenen Konzentrationslagern ein. Zu Tausenden wurden Häftlinge von den beiden Bahnhöfen Oranienburg und Sachsenhausen ins Lager getrieben. "Besonders furchtbar waren die Transportbedingungen für die rund 10 000 jüdischen Häftlinge aus Auschwitz, von denen viele bereits tot waren, als sie in Sachsenhausen eintrafen", schreibt Seferens. "Nachdem am 1. Februar der Befehl für die Evakuierung des Lagers ergangen war, begann die SS mit systematischen Vernichtungsaktionen gegen einzelne Häftlingsgruppen. Allein 16 000 Menschen wurden zur mutmaßlichen Ermordung in andere Konzentrationslager deportiert. Einem möglichen Aufstand der Häftlinge kam die SS durch gezielte Mordaktionen zuvor."

Bei der Räumung des Lagers am 21. April 1945 befahl die SS 33 000 Häftlingen, darunter Frauen und Kinder, auf den Todesmarsch. Dabei  kamen in den letzten Kriegstagen noch mehr als tausend Häftlinge ums Leben.

Aus anderen Lagern nach Sachsenhausen

Durch die Evakuierungstransporte aus östlichen Lagern wie Auschwitz-Birkenau war die Zahl der Häftlinge im KZ Sachsenhausen und seinen etwa 100 Außenlagern Ende Januar 1945 auf 80 000 Menschen angestiegen. Allein zwischen Dezember 1944 und Januar 1945 wurden 10 500 Zugänge registriert, so dass die Gesamtzahl der Häftlinge im Hauptlager auf 58 147 Menschen anstieg. Viele Häftlinge wurden zur Ermordung in andere Lager gebracht. Die Verbliebenen wurden auf den Todesmarsch geschickt, nur Kranke, Ärzte und Pfleger blieben zurück.

Die Stiftung veröffentlicht ab Sonntag auf www.stiftung-bg.de Grußworte Überlebender.⇥kd

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