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Rettungsdienst
Notfallsanitäter sind rar und begehrt

Dietmar Puttins / 17.01.2020, 07:15 Uhr
Brieskow-Finkenheerd Seit dem 29. Juli 2019 lässt  der Landkreis Oder-Spree für 1,5 Millionen Euro eine neue Rettungswache in der Lindenstraße in Brieskow-Finkenheerd errichten. Betreiber wird die Rettungsdienst im Landkreis Oder-Spree GmbH sein. Die neue Wache ersetzt dann die nur wenige hundert Meter entfernte provisorischen Rettungsstelle in der Ernst-Thälmann-Straße, von der seit 2010/11 Rettungskräfte zu ihren Einsätzen ausrücken. Nur einige Wochen nach der Grundsteinlegung für die neue Wache rückte dieses Provisorium – eine ehemalige Kfz- Werkstatt – in den Blickpunkt der Öffentlichkeit. Grund: Um Überstunden abzubauen, entschied die Geschäftsführung der Rettungsdienst GmbH, dass die Mitarbeiter dieser provisorischen Rettungsstelle, aber auch die Kollegen zweier weiterer Rettungswachen in Wendisch Rietz und Weichensdorf, keine Nachtdienste mehr versehen sollten. So geschah es von Anfang November bis Ende Dezember 2019. Die drei Wachen waren gut acht Wochen lang nachts nicht besetzt. Dietmar Puttins sprach mit Ulrich Wegener, Geschäftsführer des kommunalen Rettungsdienstes, über diese Entscheidung, die Ursachen und wie sich die Rettungsdienst GmbH künftig aufstellt.

Herr Wegener, hat sich die nächtliche Schließung dreier Rettungswachen konzeptionell bewährt?

Es handelte sich dabei um keine Wachenschließung. Wir haben die Schichten von 24 auf zwölf Stunden reduziert. Es ging dabei darum, die Schutzerfordernisse der Bevölkerung auf Versorgung mit Rettungsdienstleistungen und gleichzeitig den Gesundheits- und Arbeitsschutz der Mitarbeiter sicherzustellen. Bei dieser Abwägung haben wir uns auf die drei Nebenwachen konzentriert, die die geringste Frequentierung im Jahr haben. Es gab, nach aktuellem Stand, keine Komplikationen. Ein Standartmodell zum Überstundenabbau soll hieraus in keinster Weise abgeleitet werden.

Denken Sie, dass Sie 2020 erneut genötigt sein werden, Wachen temporär zu schließen?

Wir haben das nicht primär im Fokus. Sicherlich sind aufgrund des Fachkräftemangels im Rettungswesen Mehrarbeit bzw. Überstunden für die Mitarbeiter nicht gänzlich auszuschließen. Wir werden natürlich alles tun, um Schichtreduzierungen zu vermeiden.

Was löst den Fachkräftemangel aus?

Im Jahr 2013 führte der Bundesgesetzgeber das Notfallsanitätergesetz ein. Der Beruf des Rettungsassistenten soll in den des Notfallsanitäters überführt werden. Die Ausbildung wurde dazu von zwei auf drei Jahre verlängert.

Damit sich Rettungsdienstassistenten betriebsintern zum Notfallsanitäter weiterbilden können, wurde eine siebenjährige Übergangsfrist gewährt, die bis 31.12.2020 galt. Doch diese Mitarbeiter, die zum Beispiel auf 480- oder 950-Stunden-Lehrgängen sind, kann man nur sehr schwer ersetzen, weil deren, nur zeitweise freien, Arbeitsplätze für Bewerber sehr unattraktiv sind. Gleichzeitig ist in der Landesrettungsdienstplanverordnung geregelt, wie die Rettungsmittel zu besetzen sind. Nach der Übergangsfrist sind die Rettungsmittel mit zwei fachlich geeigneten Personen zu besetzen, wovon mindestens einer Notfallsanitäter sein muss.

Seitens des Gesetzgebers wurde diese Problematik erkannt. Inzwischen hat die Bundesregierung die Übergangsfrist auf zehn Jahre, bis 2023, verlängern lassen. Und die Besetzung der Fahrzeuge in der Brandenburger Landesrettungsdienstplanverordnung wurde auch nochmal bis zum 31.12.2022 verlängert.

Wenn dies frühzeitiger erfolgt wäre, hätten die betriebsinternen Weiterbildungen zum Notfallsanitäter über einen längeren Zeitraum verteilt werden können, was sicherlich Mehrarbeit bzw. Überstunden reduziert hätte.

Was bedeutet das für die Rettungsdienst GmbH?

Wir haben uns sehr streng an die gesetzlichen Vorgaben gehalten. Wir haben aktuell rund 120 Notfallsanitäter, die intern weitergebildet bzw. durch erfolgreiche Absolventen der dreijährigen Ausbildung gewonnen wurden und werden bis Ende 2020 durch unsere Weiterbildungen insgesamt 125 Notfallsanitäter aufbieten können.

Das bedeutet, dass wir schon heute die qualitativen Anforderungen des Gesetzgebers bei der Besetzung der Fahrzeuge erfüllen. Es bleibt aber schwierig, externes Personal zu finden. Wir haben im Oktober 2019 aus Absolventen der Ausbildungsstätte sieben Notfallsanitäter einstellen können, haben einen neuen Notfallsanitäter-Lehrgang mit fünf Azubis gestartet und sind natürlich daran interessiert, dass trotz dieser Schwierigkeiten auch Personen unser Unternehmen kennenlernen.

Wir haben jetzt acht Praktikanten aus der Rettungssanitäter-Ausbildung, die an unserem Unternehmen Interesse zeigen. Ein Praktikant hat sich bereits bei uns beworben.

Bewältigen andere Rettungsdienste in LOS den Fachkräftemangel einfacher?

Nach meinem Kenntnisstand sind die meisten Rettungsdienste in Brandenburg kommunalisiert worden. Das zeigt die Tendenz, dass die Kommunen im Sinne der Daseinsvorsorge Wert darauf legen, dass das Rettungswesen bei ihnen angesiedelt ist.

Inwieweit Hilfsorganisationen diese Personalprobleme nicht haben, vermag ich nicht zu bewerten. Die Problematik des Fachkräftemangels und damit verbundene Überstunden werden mit hoher Wahrscheinlichkeit auch andere Rettungsdienste zu verzeichnen haben.

Entsprechend der gesetzlichen Vorgaben des brandenburgischen Rettungsdienstgesetzes nimmt die kommunale Rettungsdienst im LOS GmbH die Pflichten des Landkreises zur Durchführung und Organisation des bodengebundenen Rettungsdienstes wahr. DRK oder Johanniter sind im LOS nicht im bodengebundenen Rettungsdienst tätig.

Macht denn dann der Vorschlag aus dem DRK-Kreisverband Märkisch-Oder-Havel-Spree Sinn, sich als Betreiber der LOS-Rettungsdienst GmbH anzubieten?

Das kann sicherlich das DRK aus seiner Interessenlage heraus bewerten. Insofern verweise ich auf meine vorhergehenden Ausführungen.

Was planen Sie langfristig, um die Notfall-Versorgung der Bevölkerung zu verbessern?

Wir präsentieren uns auf Messen, fördern bei uns verstärkt Praktikanten. Wir schalten Stellenanzeigen. Doch der Arbeitsmarkt für Notfallsanitäter bzw. Rettungssanitäter ist begrenzt und wir haben Qualitäts-Anforderungen. Wer sich bei uns bewirbt, muss die innere Überzeugung mitbringen, dass er in einem sozialen Bereich tätig wird, in dem es darum geht – trotz aller Schwierigkeiten – der Bevölkerung eine gute, sichere Notfallversorgung zu bieten.

Er muss also Überstunden einkalkulieren?

Unsere Arbeit ist primär geprägt vom Einsatzgeschehen. Das kann auch dazu führen, dass Mitarbeiter Mehrarbeit bzw. Überstunden leisten müssen, also Abweichungen zum Dienstplan entstehen, um die Notfallversorgung für die Bevölkerung zu gewährleisten. Die Rettungsdienst GmbH muss flexibel sein.

Ich darf aber sagen, dass das bei unseren Mitarbeitern schon in großem Maße im Bewusstsein verankert ist. Ein festes, vorher planbares Einsatzregime gibt es daher nicht.

Zur Person:Ulrich Wegener

Seinen privaten Wohnsitz hat Ulrich Wegener in Ludwigsfelde, südlich gelegen bei Berlin. Der 58-jährige Diplom-Kaufmann leitet einerseits seit dem 1. Oktober 2001 als Geschäftsführer das Oder-Spree Krankenhaus in der Schützenstraße 28 in Beeskow. Andererseits ist er seit dem 1. Mai 2014 auch zusätzlich Geschäftsführer der Rettungsdienst im Landkreis Oder-Spree GmbH, die ihren Sitz ebenfalls in Beeskow hat, in der Radinkendorfer Straße 75. Zum 1. September 2019 wurde die Geschäftsführung für beide Gesellschaften personell erweitert und verstärkt: Ulrich Wegener führt seither gemeinsam mit dem ehemaligen Pflegedienstleiter des Oder-Spree Krankenhauses, Michael Rochow, die Geschäfte beider Gesellschaften.⇥dpu

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