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Notfallseelsorger
Erste Hilfe für die Seele

Im Einsatz mit Teddybär: Rui Wigand und Holger Dymke (v.l.) leiten die Notfallseelsorge LOS/Frankfurt
Im Einsatz mit Teddybär: Rui Wigand und Holger Dymke (v.l.) leiten die Notfallseelsorge LOS/Frankfurt © Foto: Annemarie Diehr
Annemarie Diehr / 24.10.2018, 06:00 Uhr
Fürstenwalde (MOZ) Wenn Menschen verunglücken, Opfer von Gewalttaten sind oder Suizid begehen sind Notfallseelsorger die Ersten, die Angehörigen in Krisensituationen beistehen und sie beraten. Im Landkreis Oder-Spree und in Frankfurt werden seit 20 Jahren Notfallseelsorger ausgebildet.

Die Zahlen sind schnell abgehandelt: Zu 47 Einsätzen wurde das Team der Notfallseelsorge und Krisenintervention des Landkreises Oder-Spree und der Stadt Frankfurt im Jahr 2017 gerufen, davon spielten sich 22 Einsätze im häuslichen, 25 Einsätze im nicht-häuslichen Bereich ab. 25 Mal wurden Notfallseelsorger von der Polizei angefordert, etwa wenn sie Hinterbliebene über den Unfalltod eines Angehörigen informierte; 19 Mal wurden sie vom Rettungsdienst hinzugezogen, etwa nach nicht erfolgreicher Reanimation oder Suizid eines Menschen; drei Mal wurden sie bei Bränden von der Feuerwehr gerufen.

Die Geschichten hinter den Zahlen lassen sich nicht so einfach erzählen. Sie handeln von Menschen, denen Unglücksfälle sprichwörtlich den Boden unter den Füßen wegziehen, weil sie Opfer, Angehörige oder Beteiligte sind. Manchmal sind es aber auch die Helfer selbst, die nach Einsätzen jemanden brauchen, dem sie sich anvertrauen können.

Rui Wigand, Diakon der Katholischen Kirchengemeinde Fürstenwalde und stellvertretender fachlicher Leiter der Kreis-Notfallseelsorge, erinnert sich an den Hausbrand in der Fürstenwalder Trianon-, Ecke Frankfurter Straße vor drei Jahren: Damals, sagt er, suchte ein Feuerwehrmann das Gespräch, weil er es nicht verkraftet habe, einen Menschen nicht aus den Flammen retten zu können.

„Erste Hilfe für die Seele“, beschreibt Holger Dymke das, was er und sein Team aus sieben ehrenamtlichen Notfallseelsorgern, darunter Pastoren, Kirchenmitarbeiter, Verwaltungsangestellte und Erzieher, leisten. Angefordert werden sie in Krisensituationen von Einsatzkräften der Polizei, Feuerwehr oder des Katastrophenschutzes.

„Mit dem Oderhochwasser 1997 wuchs das Bewusstsein für den Betreuungsbedarf von Betroffenen“, sagt Torsten Goerth, Sachgebietsleiter Katastrophenschutz im Landkreis. Auf Initiative der Johanniter wurden 1998 erstmals Notfallseelsorger ausgebildet. Mittlerweile ist das Team in den Brand-, Zivil- und Katastrophenschutz der Kreisverwaltung integriert, die für die Aus- und Weiterbildung, Versicherung und Aufwandsentschädigung der ehrenamtlichen Notfallseelsorger verantwortlich ist.

Das Busunglück in Altlandsberg (Märkisch-Oderland), bei dem vier Schüler und der Busfahrer starben, erinnert sich Goerth, der das Projekt von Beginn an begleitet, war 1999 der erste große Einsatz der Notfallseelsorger. Eine Stütze für die Hinterbliebenen waren sie auch, als im vergangenen Jahr zwei Polizisten in Oegeln überfahren worden waren.

20 Jahre nachdem die ersten Notfallseelsorger ausgebildet worden sind, gehört zur Wahrheit aber auch: Das Team aus Ehrenamtlichen war schon mal größer. Die psychische Belastung ist auch für die  Seelsorger groß; einmal im Monat tauschen sie sich untereinander aus, alle drei Monate begeben sie sich selbst in therapeutische Beratung. „Jeder, der von seiner Haltung her geeignet ist“, ermutigt Rui Wigand potenzielle Mitstreiter, „kann etwas tun.“

Ein Gottesdienst anlässlich des 20-jährigen Bestehens der Notfallseelsorge findet am 4. November, 10 Uhr, in der Kirche St. Georg in Frankfurt (Oder) statt.

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