Das Nachrichtenportal für Brandenburg
Startseite Märkische Onlinezeitung - MOZ.de

Unterwerfung
Vision oder Schwarzmalerei

Unterwerfung
Unterwerfung © Foto: Studio Hamburg
Stefan Klug / 14.07.2018, 13:52 Uhr
(MOZ) François ist Literaturprofessor an der Pariser Sorbonne. Er hat die 50 überschritten und sorgt sich um seine schwindende Libido, wenn er sie nicht mehr mit Studentinnen stimulieren kann. Mehr noch sorgt ihn aber augenblicklich, dass in Frankreich aus Angst vor einer rechten Regierung plötzlich ein islamischer Präsident möglich sein könnte. Und das Unglaubliche tritt ein. Eine muslimische Brüderschaft steht an der Spitze des Staates, Juden verlassen das Land, Polygamie wird möglich und François entlassen, weil er nicht konvertieren will. Als sich die Schockstarre gelegt hat, betrachtet der Single die Sache nüchterner. Ein eher unbegabter Kollege wird Chef der Uni, hat mehrere Frauen und bezieht ein unglaubliches Gehalt. Das Bekenntnis zum Islam wird nur im Angesicht eines Arbeitsvertrages abverlangt, ansonsten scheint die Unterwerfung unter die neue Weltordnung keine Nachteile für ihn, als Mann, mit sich zu bringen.

Vor drei Jahren hat Michel Houellebecq seinen Roman veröffentlicht, just an jenem Tag, an dem Islamisten zwölf Mitarbeiter des Satire-Magazins „Charlie Hebdo“ ist Paris erschossen. Seitdem ist das Buch Skandal, Zankapfel und Zukunftswegweiser für jede politische Richtung. Die einen sehen ihre schlimmsten Alpträume bestätigt, andere wiederum eine ganze Religion verunglimpft. Auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise war kaum eine neutrale Bewertung des Werkes zu erwarten. Und auch die Verfilmung durch den RBB entzieht sich dieser. Dies geschieht allein schon dadurch, dass der Inhalt gleich zweimal einer subjektiven Brechung unterworfen wird. Denn der Film von Titus Selge konzentriert sich in erster Linie auf das Theaterstück „Unterwerfung“ am Hamburger Schauspielhaus, bei dem der Onkel des Regisseurs, Edgar Selge, den Alleinunterhalter gibt. Ein rotierendes, stilisiertes Kreuz als einzige Bühnendeko ist der Hintergrund für den Monolog Selges, der die Geschichte aus der Sicht von François erzählt. An bestimmten Stellen dann wechselt die Perspektive aus der Erzähler- in die Betrachter-Position des Filmes, in dem wiederum Selge als Hauptfigur auftritt und mitunter auch in die Kamera spricht, also wieder zur Erzähler-Position zurückkehrt. Mit diesem Kunstgriff vermeidet man die eher fernsehuntaugliche Theaterdarstellung und zugleich, das Buch filmisch komplett umsetzen zu müssen. Der Mix ist ein durchaus interessanter, zumal der Hauptdarsteller in beiden Darstellungsformen hervorragend agiert. Inhaltlich freilich bleibt das Ganze trotz aller Auflockerungen ein Gratwanderung zwischen Vision und Provokation. Denn Houellebecqs Vorwurf an die Mitte-Links-Fraktion, die Aufgabe der europäischen Identität zugunsten einer islamischen aus Angst vor einem rechts-nationalen Staat, bleibt erhalten. Und ebenso die ernüchternde Wahrheit, dass sich die Hälfte der Bevölkerung, nämlich die männliche, dies aus persönlichen Vorteilen heraus gefallen lässt.

Genre: Drama; FSK: 12 Jahre; Laufzeit: 90 Minuten; Verleih: Studio Hamburg; Regie: Titus Selge; Edgar Selge, Alina Levshin, Matthias Brandt; D 2018

Achtung Verlosung: Es gibt die DVD sowie das Buch von Michel Houellebecq zu gewinnen. Wer Interesse hat sendet eine Mail an: gewinnspiel@moz.de

Schlagwörter

Leserforum

Um einen Kommentar zu schreiben, melden Sie sich bitte oben rechts an. Falls Sie noch keinen Login haben, registrieren Sie sich bitte.

Alle Leserkommentare geben ausschließlich die persönlichen Ansichten und Meinungen des Autors wieder und sind keine redaktionelle Meinungsäußerung. Für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Inhalte übernimmt die Redaktion keinerlei Gewähr.

Ihr Kommentar zum Thema

Kommentartitel
Name
(öffentlich sichtbar)
Email
(wird nicht veröffentlicht)
(Ihr Name wird auch in der Zeitung veröffentlicht. Die Adresse wird nicht veröffentlicht.)
© 2019 MOZ.de Märkisches Medienhaus GmbH & Co. KG