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Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU)
Triumph unter Tränen

Vom Augenblick des Erfolgs ergriffen: Annegret Kramp-Karrenbauer winkt den Delegierten zu, die sie gerade mit knapper Mehrheit zur neuen Vorsitzenden der CDU gewählt haben.
Vom Augenblick des Erfolgs ergriffen: Annegret Kramp-Karrenbauer winkt den Delegierten zu, die sie gerade mit knapper Mehrheit zur neuen Vorsitzenden der CDU gewählt haben. © Foto: dpa
Ellen Hasenkamp / 08.12.2018, 09:00 Uhr
Hamburg (MOZ) Es ist ein emotionaler Moment, als Annegret Kramp-Karrenbauers Sieg bei der Wahl zur CDU-Chefin feststeht. Ihr kommen die Tränen.

Sie hat als Regierungschefin kaltblütig eine Koalition gekündigt. Sie hat als Mutter eines wenige Wochen alten Säuglings den Knochenjob als Bundestagsabgeordnete angetreten. Sie hat als erste Frau in Deutschland ein Innenministerium übernommen. Annegret Kramp-Karrenbauer hat normalerweise Nerven aus Stahl. Doch jetzt fließen die Tränen, sie wischt und wischt, es läuft und läuft. Es ist 16.56 Uhr, und das Ergebnis der Stichwahl für die CDU-Spitze lautet 517 für sie und 482 für Friedrich Merz. AKK hat das vor fünfeinhalb Wochen gestartete Rennen um den Parteivorsitz gewonnen. Es ist der wohl größte politische Tag im Leben der Frau aus dem kleinen Saarland.

Auf der Bühne schließt die jetzt ehemalige Parteichefin Angela Merkel ihre Nachfolgerin in die Arme. Frau folgt Frau, wer hätte das gedacht in einer Partei, die zu 74 Prozent aus Männern besteht, in der von den tausend Parteitagsdelegierten nur 343 weiblich sind und in der sich die Herren immer wieder gerne zu der Frage zu Wort melden, wer denn nun das Megatalent Merkel entdeckt, gefördert und geformt habe.

Kramp-Karrenbauer hat sich inzwischen wieder gefangen. Ein bisschen blass sitzt sie nun ganz allein auf ihrem Parteivorstandsplatz und atmet noch ein paar Mal tief durch. 52 Prozent, das ist die Mehrheit, aber eben auch eine knappe Mehrheit. 18 Stimmen mehr für Merz und das Ding wäre andersherum ausgegangen. Und genau das wird Kramp-Karrenbauer nun zu schaffen machen. Sie muss leisten, was hinter ihr als Parteitagsmotto prangt: Zusammenführen. Sie muss nun eine CDU beisammen halten, die zwar durch den Wettkampf der vergangenen Tage belebt wurde, wo nun aber auch Enttäuschungen und Frust bei fast der Hälfte der Christdemokraten zurückbleiben. Kramp-Karrenbauer fängt gleich damit an. Sie wirbt gleich nach ihrer Wahl für den Aufbruch und fügt an: „Ich würde mich sehr freuen, wenn sowohl Jens Spahn als auch Friedrich Merz bereit wären, an dieser Aufgabe mitzuarbeiten.“

Bis zum letzten Moment hat AKK geschuftet. Im Kellergewölbe  des Hamburger Rathauses besucht sie am Vorabend der Entscheidung noch die Kommunalpolitische Vereinigung der CDU, deren Bekanntheitsgrad im umgekehrten Verhältnis zur großen Zahl ihrer Mitglieder steht. Kramp-Karrenbauer steht mit einem Glas Weißwein im Getümmel; Schulterklopfen, Selfies, Händeschütteln. Es ist ein letztes Stimmensammeln und AKK weist in ihrer kurzen Ansprache vehement eine Sichtweise zurück, die sie als Kommentar in einer Zeitung gelesen hat: Merz oder Untergang. „Wenn wir es so diskutieren, dann wird es auch der Untergang“, schimpft sie.

Zusammenführen, diesen Sound schlägt auch Angela Merkel in ihrer Rede an – und wer weiß, womöglich hat sie damit die entscheidenden Stimmen für AKK in die Wahlurnen getrieben. Vielleicht hat aber auch der wackere Franzose Joseph Daul mit seinem Grußwort einen Fingerzeig gegeben. Der 71-jährige Chef der europäischen Konservativen mahnt aus seiner Straßburger Perspektive, die Kanzlerinnenschaft von Merkel nicht zu vergessen: „Wir brauchen sie in diesen schweren Momenten noch in Europa.“ Mit wem der drei Kandidaten er dies am besten gewährleistet sieht, sagt der Elsässer natürlich nicht. Zumindest nicht ausdrücklich.

Als die Wahl um kurz vor zwei Uhr am Nachmittag beginnt, macht  Kramp-Karrenbauer den Anfang – und die Spannung im Saal ist fast so hoch wie die Temperaturen. Annette Widmann-Mauz, die Chefin der Frauen-Union, hüpft in ihrem knallroten Kleid auf ihrem Platz ein bisschen auf und nieder, so heftig schlägt sie die Hände zusammen, als AKK die Bühne zur Vorstellungsrede betritt. Kramp-Karrenbauer ist nervös, sie trinkt erstmal einen Schluck Wasser und verschwindet in ihrem schwarz-weißen Jackett optisch fast vor dem grauen Hintergrund. Sie beginnt fahrig, kommt dann aber in Fahrt und trifft mit ihrer kämpferischen, zukunftsgewandten und auch sehr persönlichen Rede den Ton. „Es kommt mehr auf die innere Stärke als auf die äußere Lautstärke an“, sagt sie.

Merz dagegen, der gefürchtete Redner, bleibt unter seinen Möglichkeiten. Er spricht über China und den europäischen Binnenmarkt, und im Saal bleibt es still. Er rechnet ab mit der Politik der vergangenen Jahre, den Jahren ohne ihn: Umweltpolitik widersprüchlich, Vertrauen in Sachen Innere Sicherheit verspielt, Kommunikation unscharf.

Jens Spahn schließlich spricht– seinem Nachnamen und dem Alphabet geschuldet – als letzter. Vielleicht vor lauter Aufregung, vielleicht aber auch als Zeichen seines Unangepasst-Seins hält er sich gar nicht erst mit höflichen Anreden auf, sondern legt direkt los und weist selbst auf seine Außenseiter-Rolle hin. Am Ende erntet er im ersten Wahlgang fast 16 Prozent, das ist mehr als ein Achtungserfolg. Und Spahn tritt dann auch gleich wieder an fürs Parteipräsidium. Merz dagegen verzichtet auf die Kandidatur für weitere Parteiämter.

Am Abend werden dann die fünf CDU-Vize ganz ohne Kampfkandidaturen wiedergewählt. Die Revolution bei der CDU bleibt aus.

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