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Gaby-Fleur Böl spricht bei der PCK-Bürgervorlesung über Panikmache und echte Risiken

War früher wirklich alles besser?

Blumen zum Dank: Vica Faynor (l.) von der PCK Raffinerie dankt Referentin Gaby-Fleur Böl vom Bundesinstitut für Risikobewertung für einen spannenden und unterhaltsamen Vortrag.
Blumen zum Dank: Vica Faynor (l.) von der PCK Raffinerie dankt Referentin Gaby-Fleur Böl vom Bundesinstitut für Risikobewertung für einen spannenden und unterhaltsamen Vortrag. © Foto: MOZ/Michael Dietrich
Michael Dietrich / 05.03.2016, 07:15 Uhr
Schwedt (MOZ) Mit einem spannenden Vortrag über Gift in Lebensmitteln, mediale Panikmache und unsere Angst vor Risiken hat Gaby-Fleur Böl bei der PCK-Bürgervorlesung am Donnerstag den Nerv des Publikums getroffen. Neben Schülern des Gymnasiums waren auch viele Bürger gekommen.

Stimmt es denn wirklich, was wir angesichts fast täglicher Horrormeldungen von Schadstoffen in Lebensmitteln glauben, dass nämlich früher zu Omas Zeiten alles viel besser war? Die Biochemikerin Gaby-Fleur Böl vom Bundesinstitut für Risikobewertung hält beherzt dagegen: "Es ist eben nicht so. Unsere Lebensmittel sind heute sicherer und so qualitativ hochwertig wie noch nie."

Wegen solcher Aussagen wird ihr Arbeitgeber auch gern als Risikobeschwichtiger kritisiert, erzählt die Referentin selbst. Doch was sie an Beispielen und Zusammenhängen in der gut besetzten Aula des Gauß-Gymnasiums vorstellt, beeindruckte den Großteil des Publikums zumindestens sicht- und hörbar. Und unterhaltsam war es allemal, jedenfalls störte sich kaum einer daran, dass die Referentin ihren einstündigen Vortrag um satte 20 Minuten überzog.

Dass wir heute gefühlt viel mehr Lebensmittelskandale haben, hängt für Naturwissenschaftler wie Gaby-Fleur Böl zumeist mit ihrer medialen Verbreitung, aber auch mit unberechtigter Panikmache über die Medien zusammen. Zu 95 Prozent informieren wir Menschen uns über die verschiedensten Medien wie TV, Zeitungen und zunehmend Internet. Den Meldungen über giftige Stoffe, krankmachende oder krebserzeugende Substanzen in Lebensmitteln und viele andere Gefahren kann man sich heute kaum entziehen. Und die Reaktion der Bevölkerung ist oftmals hysterisch oder panisch.

Nach dem Reaktorunglück in Japan beispielsweise räumten auch hierzulande viele Menschen den Vorrat an Jodtabletten in den Apotheken leer. Wenn man einer Strahlenbelastung ausgesetzt ist, erklärt Gaby-Fleur Böl, kann das natürlich helfen. Die Sättigung mit normalem Jod bewirkt, dass die Schilddrüse kein radioaktiv angereichertes Jod mehr aufnehmen kann. "Wenn die Strahlung aber gar nicht bis Deutschland gelangt ist, ist die Aufnahme von Jod eher schädlich, vor allem für Kinder und Schwangere."

Die Referentin erklärte an vielen Beispielen, dass nicht das Gefährdungspotential allein zu einem echten Risiko führe, sondern immer nur abhängig davon, wie häufig, also in welcher Größenordnung es wirksam wird.

Prominentestes und aktuellstes Beispiel ist der Nachweis von Glyphosat im Bier. Ja, bestätigt Frau Böl, die WHO meldet zu Recht eine Gefährdung, weil der Wirkstoff Glyphosat im Pflanzenschutzmittel für den Menschen wahrscheinlich krebserzeugend ist. Die tatsächlich im Bier nachgewiesenen Spuren davon seien jedoch aus wissenschaftlicher Sicht so minimal, dass ein normaler Mensch 1000 Liter Bier trinken müsste, bis die Dosis des Glyphosats groß genug wäre, beim Menschen derart zu wirken. "1000 Liter Bier jeden Tag das ganze Leben lang. Sie können selbst einschätzen, ob das für sie zutreffend ist", erklärt Gaby-Fleur Böl.

Interessant waren auch die von ihr vorgestellten statistischen Auswertungen von tatsächlichen Gefahren für unser Leben und unserer größten Ängste. Menschen sterben noch immer am häufigsten an Herzversagen, an den Folgen des Rauchens und an Krebs - jeder vierte bis sechste Mensch stirbt daran. Sorgen machen wir uns hingegen über vergiftete Lebensmittel oder vor Haifischattacken. Die Wahrscheinlichkeit, davon betroffen zu sein, beträgt eins zu einer Million - mit einem Flugzeug abzustürzen übrigens 1:1834.

Anschauliche Beispiele sorgten für Aha-Effekte beim Publikum. Etwa wie wir heutzutage einen einzigen Zuckerwürfel, der in den riesigen Bodensee fällt, nachweisen könnten. Oder eine Mohrrübe, die ins Wasserklo fällt, dort aber weniger keimbelastet wäre, als bei einem Fall in die Küchenspüle.

Ein bisschen oft nahm sich Gaby-Fleur Böl pauschal die Medien zur Brust, die zum Beispiel auch die Angst vor Dioxin in Eiern oder der Gefahr einer Pandemie schürten. Dass sie und die Wissenschaft aber ebenso auf diese Medien angewiesen sind, um ihre Warnungen oder Entwarnungen zu verbreiten, kam dabei etwas zu kurz. Was die Wissenschaftlerin am Ende riet, war öfter mal den gesunden Menschenverstand einzuschalten, wenn man über Gefahren liest, und zu überlegen, ob man überhaupt betroffen ist. Und eine alte Weisheit aus Omas Zeiten, die noch immer prima gegen viele Keime helfe: Händewaschen vor dem Essen und nach der Toilette.

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