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Was wusste das Nationale Olympische Komitee?

Ehren-Präsident des Nationalen Olympischen Komitees, Walther Tröger.
Ehren-Präsident des Nationalen Olympischen Komitees, Walther Tröger. © Foto: picture-alliance / dpa/dpaweb
MOZ/WAZ / 02.11.2012, 19:12 Uhr
Freiburg (MOZ) Funktionäre des westdeutschen Sports wussten deutlich mehr über Doping, als sie bislang zugeben wollten. Walther Tröger, von 1961 bis 1992 Generalsekretär des Nationalen Olympischen Komitees, äußert sich erstmals zu den Vorwürfen.

Ende Januar 1977 schrieb der Freiburger Sportmediziner und Olympia-Arzt Joseph Keul einen persönlichen Brief an den inzwischen verstorbenen Willi Daume, von 1961 bis 1992 Präsident des Nationalen Olympischen Komitees. Eine Kopie des Schreibens ging an Walther Tröger. Keul berichtet darin über ihm bekannte prominente Fälle von Anabolika-Doping bei Frauen. Über die damalige Fünfkampf-Weltrekordlerin Eva Wilms schrieb Keul: "Ich weiß verläßlich, dass sie anabole Hormone eingenommen hat." Und er legt nach: "Ist Ihnen bekannt, daß unsere Sprinterinnen, die so erfolgreich im letzten Jahr waren, über mehrere Perioden anabole Hormone eingenommen haben?" Die Rede ist von der 4-mal-100-Meter-Staffel, die bei den Spielen in Montreal Silber holte. Annegret Konninger räumte 1977 ein, dort mit Anabolika gedopt worden zu sein. Ihre Staffelkolleginnen bestreiten das bis heute.

Das Olympische Komitee hatte also damals Kenntnis vom Anabolika-Einsatz deutscher Spitzen-Leichtathleten. Konfrontiert mit dem Brief antwortet Walther Tröger ausweichend. Bekannt sei gewesen, "dass Doping zunehmend eine Rolle im Sport spielt", schreibt er. Das NOK habe sich "massiv gegen Doping ausgesprochen". In der Praxis sei das Vorgehen jedoch "uneinheitlich und rudimentär" gewesen, räumt er ein.

Und was haben Daume oder Tröger unternommen, als sie über Keul von mutmaßlichem Doping bei Top-Athletinnen erfuhren? Tröger sagt, er erinnere sich nicht. Er gehe jedoch davon aus, "dass Daume mit dem Originalbrief alle Beteiligten unterrichtet hat" und anschließend Keuls Vermutungen nachgegangen wurde. "Ein Ergebnis ist mir nicht bekannt." Nach seiner persönlichen Verantwortung befragt, betont der 83-Jährige, dass er "weder verpflichtet noch berechtigt" war, operativ in den Antidopingkampf einzugreifen. Zuständig seien im Wesentlichen die Verbände und das Dopingkontrolllabor in Köln gewesen.

Die Berliner Forscher werten in ihrer Doping-Studie das Agieren der NOK-Spitze in dieser Sache als "billigende Mitwisserschaft". In den späten 1970er-Jahren tobte im deutschen Sport eine Debatte um den Einsatz von verbotenen Anabolika. Selbst im Bundestag, wo CDU-Mann Wolfgang Schäuble damals forderte: "Wir wollen solche Mittel nur sehr eingeschränkt und nur unter der absolut verantwortlichen Kontrolle der Sportmediziner einsetzen." Fast jede Woche gab es neue Schlagzeilen. Daume und Tröger waren ohne Zweifel sensibilisiert für das Thema. Dass der Keul-Brief offenbar folgenlos blieb, nährt zumindest Zweifel an der Ernsthaftigkeit des Antidopingkampfes.

Als die Berliner Forscher ihre Erkenntnisse im vergangenen Herbst zum ersten Mal präsentierten, beeilte sich das Präsidium des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB) zu versichern, die Rolle Daumes müsse untersucht werden. Bis heute ist nichts geschehen. Auf Nachfrage kritisiert der DOSB nun die wissenschaftliche Qualität der Studie. Man habe "große Zweifel", ob die Vorwürfe ausreichend belegt sind, heißt es. Erik Eggers, der für die Berliner Gruppe das Thema bearbeitet hat, reagiert mit Unverständnis. Keine einzige seiner Fußnoten sei in den Kommentaren des wissenschaftlichen Beirates des Projektes angezweifelt worden. "Wenn der DOSB nun tatsächlich behaupten sollte, wir würden unwissenschaftlich arbeiten, wundert mich das sehr", erklärt er.

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