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Regionalhistoriker Reinhard Schmook auf Spurensuche im Lebuser Land / Katholische Pfarrer wehrten sich

Historiker
Reformation dauerte ihre Zeit

Doris Steinkraus / 31.10.2017, 07:10 Uhr
Seelow (MOZ) Spuren der Reformation finden sich auch in der Seelower Region viele. Der Bad Freienwalder Regionalhistoriker Reinhard Schmook hat einige aufgespürt. Deutlich werden der lange Prozess und die sehr unterschiedlichen Situationen, die selbst in benachbarten Orten herrschten.

In Brandenburg begann der Prozess der Reformation ziemlich spät. Erst 1539 trat Kurfürst Joachim II. (reg. 1535-1571) mit der Einnahme des Abendmahls in beiderlei Gestalt (Brot und Wein) zum lutherischen Bekenntnis über und gab damit den Startschuss zum offiziellen Reformationsbeginn. Durch Flugschriften, Lieder, umherziehende Prediger oder durch Mund-zu-Mund-Propaganda verbreiteten sich Luthers Ideen auch in unserer Heimat. Im Sommer 1540 trat die neue Kirchenordnung in Kraft, die der Kurfürst im Jahr zuvor hatte ausarbeiten lassen. Sie schrieb die Grundlagen der kirchlichen Erneuerung fest. Die evangelische Predigt, das evangelische Abendmahl und die reformatorische Kirchenordnung begründeten die reformatorisch-evangelische Landeskirche.

Bei der Einführung der neuen Lehre ging man im allgemeinen sehr behutsam vor, auch im Lebuser Land. Dadurch erfolgte die Bekenntniswende auch hier nicht einheitlich und nicht überall zum selben Zeitpunkt. In Müllrose z. B. wurde schon 1540 ein evangelischer Pfarrer namens Fabianus Brull eingesetzt, während aus Letschin bekannt ist, dass hier erst 1555 die erste evangelische Predigt gehalten wurde, und zwar von Lucas Corninger, Pfarrer auf der Komturei Lietzen. Als erster evangelischer Pfarrer in Müncheberg wird der 1567 vom Kurfürsten berufene Blasius Bethinus genannt, dessen Grabstein in der Müncheberger Stadtkirche erhalten ist (leider ohne Kopf).

Viel hing auch von der Stellung der jeweiligen Kirchengemeinde zum Luthertum ab. Noch 1555 seien in Mallnow und Schönfließ zwei Mönche gewesen, die Mathias Taubenheim und Mathäus Schröder hießen und Vertreter des alten Glaubens waren, ist aus Kirchenchroniken zu erfahren. Ein Jahr später schlug aber auch hier die Reformation durch, indem zuerst in Schönfließ das Evangelium gepredigt wurde. Im Kirchspiel Falkenhagen gab es einen ähnlichen Fall, denn die Falkenhagener hatten das Evangelium schon angenommen, als in Petershagen noch eine ganze Weile am katholischen Bekenntnis festgehalten wurde. Daraufhin verlangten die Falkenhagener einen eigenen Prediger, während die Petershagener ihren Mönch vorerst behielten. Aus Falkenhagen wird dann noch berichtet, dass der erste evangelische Pfarrer des damaligen Städtchens namens Grundemann wieder katholisch geworden sei und sich in das Kloster Neuzelle begeben habe.

Auch die Haltung des Landadels, der als Inhaber des Kirchenpatronats den größten Einfluss auf die Gemeinden hatte, bot kein einheitliches Bild. Während der Patron von der Marwitz auf Beerfelde schon 1529 einen evangelischen Pfarrer berief, musste Kurfürst Joachim II. mit den Burgsdorffs auf Podelzig noch lange nach der Einführung der Reformation in Brandenburg wegen mangelnder Durchsetzung des lutherischen Bekenntnisses ein ernstes Wort reden.

Mancher katholische Geistliche bekannte sich zwar zum neuen Glauben, doch selbst bei gutem Willen ging es bei einigen noch sehr katholisch zu. In der Kirchenordnung von 1540 ist zu lesen, dass "Erbauliche Gebräuche, soweit sie nicht unevangelisch sind, um der Jugend und um des Volkes willen beibehalten werden sollen." So geschah es in Hermersdorf noch um 1600, dass dem Täufling nach alter Sitte Weihsalz in den Mund getan wurde, um ihn vor der Fäulnis der Sünde zu bewahren.

Selbst Alben und Kaseln, also die alten priesterlichen Gewänder, sind noch Jahrzehnte lang beibehalten worden, ebenso die Prozessionen zu bestimmten kirchlichen Feiertagen. Aus Hermersdorf wird berichtet, dass sich noch um 1584 die Kirchgänger nach dem Gottesdienst vor der Kirchentür zu einem feierlichen Rundgang um die Kirche auf dem Kirchhof versammelten.

Allen voran schritt ein alter Mann aus der Gemeinde, der das große, aus Holz geschnitzte Christusbild vor sich hertrug. Dann folgte der Pfarrer im reichverzierten bunten Messgewand, dessen Grundfarbe je nach Datum im Kirchenjahr weiß, rot, violett, schwarz oder grün war. Hinter ihm ging die Gemeinde mit den angesehensten Männern aus dem Dorf an den Außenseiten. Sie schwenkten feierlich sechs Prozessionsfahnen. In gemessenem Schritt bewegte sich der Prozessionszug, in dem alle mit lauter Stimme evangelische Lieder sangen und sich nach vollendetem Rundgang zu einer kurzen Schlussandacht erneut in der Kirche versammelten.

Manchmal wollte ein Priester im Gegensatz zu seiner Gemeinde an seinem Glauben festhalten. So etwas geschah in Seelow, wo der Propst Benedikt Koppihn das Evangelium nicht annehmen wollte und bei den Fürstenwalder Domherren Schutz suchte. Die aber bedauerten ihn nur und hielten ihn für einen Narren, der "seine Pfründe verlassen und um des Evangelii willen nicht eine Lutherische Bratwurst mit fressen wolle". Als er nach Seelow zurückkehrte und das lutherische Bekenntnis annahm, wollten die Seelower ihn nicht mehr haben. Koppihn musste daraufhin mit der schlecht dotierten Pfarre zu Neuendorf im Sande vorlieb nehmen. Als erster evangelischer Pfarrer in Seelow wird Konrad Becker genannt.

Am äußeren Erscheinungsbild der Dorfkirchen änderte sich auch im Lebuser Land durch die Einführung der Reformation zunächst nichts. Dagegen wurde die innere Ausstattung mit Rücksicht auf die jetzt mehr in den Vordergrund tretende Predigt teilweise abgeändert. Gegen Ende des 16. Jahrhunderts begannen die mit Heiligenfiguren versehenen Altaraufbauten bei den Anhängern der neuen Lehre Missfallen zu erregen. Sie wurden mancherorts durch neue, sehr hohe Aufsätze ersetzt, mit Schnörkelwerk und den Wappen der Patrone reich verziert. Für die bildlichen Darstellungen wählte man mit Vorliebe Szenen aus der Leidensgeschichte Christi, wie zum Beispiel in Friedersdorf, wo sie leider kriegszerstört wurden.

Die Altargeräte behielten bis ins 17. Jahrhundert noch die alten Formen. Man suchte aber dem neuen Glauben insofern Rechnung zu tragen, als man die Heiligennamen entweder ganz wegließ oder wie bei einem Abendmahlskelch in Neuentempel durch die Aufschrift "Christus est propter peccata nostra mortuus" (Christus ist um unserer Sünden gestorben) ersetzte. Diese Geräte wurden jetzt oft datiert und mit den Namen der Stifter, Patrone, Pastoren oder Kirchenältesten versehen. Fast ebenso häufig wie die Taufschalen kommen die meist 40 cm hohen Altarleuchter aus Messing mit Schale und Dorn vor, wie zum Beispiel in der Kirche von Jahnsfelde, die ebenfalls aus dem 16. Jahrhundert stammen.

Etwa 50 Jahre nach Einführung der neuen lutherischen Lehre kam es zu einer regelrechten Neuausstattungswelle in den Kirchen. Dazu zählen die Glocken von Joachim Teskendorf in Hasenholz (1569) sowie von Sebastian Preger aus Frankfurt in Rathstock (1583) und Hermersdorf (1603). Auch in anderen Kirchen wurden zu jener Zeit neue Glocken angeschafft. Für die Glockeninschriften wurden jetzt nicht mehr die gotischen Minuskeln verwendet, sondern lateinische Buchstaben.

Als Inschrift kehren bei den Glocken seit Einführung der Reformation häufig der reformatorische Wahlspruch "Verbum domini manet in aeternum" (Gottes Wort bleibt in Ewigkeit) oder Melanchthons Wahlspruch "Si deus pro nobis, quis contra nos" (Ist Gott für uns, wer mag wider uns sein) wieder. Neben dem Namen des Gießers wurden, wie bei den Kelchen, von nun an der Patron, der Pastor und sämtliche Kirchenvorsteher genannt.

Taufschüsseln

Von den Taufschüsseln aus Messing oder Kupfer, die im 16. Jahrhundert von zünftig organisierten Beckenschlägern in Nürnberg und Umgebung fabrikmäßig produziert wurden, gab es bis 1945 noch eine große Anzahl im Lebuser Land. In getriebener Darstellung ist in der Mitte oft die Verkündigung Mariae, wie in Podelzig und Alt Rosenthal, zu sehen. Es kommen auch Joshua und Chaleb mit der Weintraube, Adam und Eva unter dem Baum und andere biblische Motive vor. Die rund um das Bildmotiv laufenden spätgotischen Minuskeln sind zumeist ohne Inhalt, also eine reine Zierschrift. Den äußeren Rand schmückte man mit Tieren oder Blumen, zu denen sich in vielen Kirchen noch die Initialen der Stifter gesellten.

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