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Multiresistente Keime töten jedes Jahr mehr Menschen als Krebs. Der Schwedter Krankenhaushygieniker Thomas Klinkmann sensibilisiert für den Schutz vor dieser unsichtbaren Gefahr.

Medizin
Unsichtbare Gefahren

Der beste Schutz: Dr. Thomas Klinkmann, Krankenhaushygienearzt im Asklepios Klinikum Uckermark, achtet auf die richtige Händedesinfektion bei Mitarbeitern und Besuchern. Solche Spender stehen an frequentierten Punkten des Klinikums.
Der beste Schutz: Dr. Thomas Klinkmann, Krankenhaushygienearzt im Asklepios Klinikum Uckermark, achtet auf die richtige Händedesinfektion bei Mitarbeitern und Besuchern. Solche Spender stehen an frequentierten Punkten des Klinikums. © Foto: Daniela Windolff
Daniela Windolff / 04.05.2019, 06:15 Uhr - Aktualisiert 06.05.2019, 05:46
Angermünde (MOZ) Mindestens 30 Sekunden braucht es, bis das Händedesinfektionsmittel seine volle Wirkung entfaltet. Das ist eine halbe Minute Zeit, die man sich nehmen sollte, um sich vor einer der größten Gefahren zu schützen, die die Medizin auf sich zukommen sieht: Multiresistente Keime, die auf kein Antibiotikum anschlagen. Schon heute sterben in Deutschland bis zu 15 000 Menschen jährlich durch sogenannte Krankenhauskeime, das sind mehr als durch Krebs und ein Vielfaches an Verkehrstoten im Jahr, beschreibt Thomas Klinkmann schonungslos die Situation. "Nach Uno-Schätzungen werden multiresistente Keime  2050 weltweit jährlich 10 Millionen Todesopfer fordern und damit auch einen wirtschaftlichen Schaden verursachen, der mit der Finanzkrise von 2008 vergleichbar ist."

Infektionsrisiken vorbeugen

Der Arzt Thomas Klinkmann, von Hause aus Chirurg, ist im Asklepios Klinikum Uckermark für die gesamte Krankenhaushygiene verantwortlich, ein Thema, das an Bedeutung immens zunimmt und alle Bereiche des Krankenhauses betrifft, vom Besuchereingang über das Patientenbett bis zum OP-Besteck. Als Hygienearzt muss er das gesamte Infektionsgeschehen im Blick haben, Risiken kennen und gegensteuern, ob nun Patienten mit Masern oder Norovirus eingeliefert werden oder multiresistente Erreger, kurz MRE, entdeckt werden.

"Es gibt zwei Gruppen dieser resistenten Keime, sogenannte MRSA, die auf Menschen siedeln, ohne sie krank zu machen, solange sie nicht durch Wunden oder Schleimhäute in den Körper gelangen. Jeder dritte bis fünfte Mensch ist Träger von MRSE-Bakterien. Dringen sie durch Wunden oder Schleimhäute in den Körper, können sie bei immungeschwächten Menschen schwere Infektionen auslösen, lassen sich aber durch eine spezialisierte Behandlung bekämpfen", erklärt Thomas Klinkmann.

"Weitaus gefährlicher sind MRGN-Bakterien, die auf sämtliche gängige Antibiotika nicht mehr anschlagen. Sie breiten sich rasant aus und machen uns Ärzten große Sorgen." Als Hauptursache sieht Thomas Klinkmann den unsachgemäßen und oft überflüssigen Einsatz von Antibiotika. Hier müsse das Hauptaugenmerk der Prävention liegen. Auch in der Landwirtschaft, vor allem in der Massentierhaltung, werden Antibiotika eingesetzt, die über die Nahrung aufgenommen werden und Resistenzen erzeugen können, so dass Antibiotika in der Medizin faktisch unwirksam werden und sich aus bisher gut behandelbaren Krankheitserregern Killerkeime entwickeln, die kaum mehr zu stoppen sind. Gefährlich werden diese Keime vor allem für schwerkranke und immungeschwächte Patienten, zum Beispiel nach Operationen oder Chemotherapien.

Nicht jeder Patient wird vorsorglich auf multiresistente Keime untersucht. "Wir machen ein risikoadaptiertes Screening. Das heißt, Patienten, bei denen selbst oder in der Familie schon einmal MRE festgestellt wurde, werden in der Klinik erfasst. Viele sind uns schon bekannt. Auch bei Patienten, die in der Tierproduktion arbeiten, schauen wir vorsorglich ganz genau hin, denn MRSE-Keime können von Tieren auf Menschen übertragen werden.

Der wichtigste Schutz vor Verbreitung und Ansteckung ist penible Hygiene vor allem im Krankenhaus aber auch in Arztpraxen oder Pflegeeinrichtungen, betont Thomas Klinkmann. Hauptübertragungsweg sind die Hände. Richtige Händehygiene sei deshalb das A und O, multiresistenten Keimen Übertragungswege abzuschneiden.

Richtige Händedesinfektion

"Zuhause reicht gründliches Händewaschen mit Seife völlig aus. Im Krankenhaus oder in anderen medizinischen Einrichtungen sollte jedoch die Händedesinfektion ein Muss sein, für das Personal sowieso, aber auch für Patienten und Besucher. "Es geht dabei gar nicht nur um den Schutz der Kranken, sondern auch um den Eigenschutz von Personal und Besuchern", erklärt Thomas Klinkmann.

Ein guter Qualitätsindikator für professionelle Hygiene ist, dass ein Norovirusausbruch im Klinikum schnell unter Kontrolle war und kein Personal erkrankt war, obwohl der Norovirus hochinfektiös ist. Auch hier gilt neben der Isolation der Patienten vor allem eins: Trotz Handschuhe gründliche Händedesinfektion. Thomas Klinkmann zeigt, wie man es richtig macht: 30 Sekunden lang das Mittel in Hände und zwischen den Fingern einmassieren, bis ein cremiges Gefühl entsteht. Denn erst dann wirken auch die Pflegestoffe, die den Hautschutzmantel erhalten, denn eine intakte Haut ist eine natürliche Barriere für Bakterien.

6. Schwedter Hygienetag im Asklepios Klinikum

Am 15. Maiveranstaltet das Asklepios Klinikum Uckermark auf Initiative des Krankenhaushygienikers Thomas Klinkmann den 6. Schwedter Hygienetag als Fach- und Fortbildungsveranstaltung. Er richtet sich hauptsächlich an Fachpersonal aus Kliniken, Arzt- und Therapiepraxen sowie Pflegedienste und -einrichtungen. Ein Schwerpunkt ist angesichts der besorgniserregenden Zunahme von Masernausbrüchen auch das Thema Impfen als wichtigster vorbeugender Schutz vor Infektionen.

Von 9 bis 10.45 Uhr werden im Wechsel Workshops "Hygiene in der Arztpraxis", "Moderne Wundbehandlung" und "Impfen in der Praxis" angeboten. Um 11.15 Uhr beginnt das Symposium mit Vorträgen zu den Themen EHEC/EPEC-Epidomologie, Infektionsprävention mit Patienten und Besuchern, Hepatitis C - Gefahr gebannt?, Norovirusausbruch - Wie handeln?, Flächendesinfektion in Praxen, Impfempfehlungen sowie Bauhygiene im Klinikum Schwedt. Verschiedene Referenten unter anderem vom Robert-Koch-Institut, sind zu Gast. Um 17.15 gibt Thomas Klinkmann ein kurzes Resümee.⇥dw

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