Das Nachrichtenportal für Brandenburg
Startseite Märkische Onlinezeitung - MOZ.de

Gartenbauverband
Baumobsternte in Ostbrandenburg nach Frostnacht ruiniert

Thomas Bröcker, Obstbauer und Leiter des Gartenbauverbandes Berlin-Brandenburg Abteilung Obstbau, betrachtet in seiner Plantage nahe Frankfurt (Oder) die schwarzen, erfrorenen Fruchtstände an einem Pflaumenbaum. Eine einzige Frostnacht Anfang Mai ruiniert fast die gesamte Ernte bei Obstbauern in Ost- und Südbrandenburg. Der Kältestrom traf nur regional einige Standorte. Die schwarz geworden Fruchtansätze fallen in der Folge einfach vom Baum.
Thomas Bröcker, Obstbauer und Leiter des Gartenbauverbandes Berlin-Brandenburg Abteilung Obstbau, betrachtet in seiner Plantage nahe Frankfurt (Oder) die schwarzen, erfrorenen Fruchtstände an einem Pflaumenbaum. Eine einzige Frostnacht Anfang Mai ruiniert fast die gesamte Ernte bei Obstbauern in Ost- und Südbrandenburg. Der Kältestrom traf nur regional einige Standorte. Die schwarz geworden Fruchtansätze fallen in der Folge einfach vom Baum. © Foto: dpa-Zentralbank/Patrick Pleul
dpa / 23.05.2019, 08:54 Uhr - Aktualisiert 23.05.2019, 09:22
Frankfurt (Oder) (dpa) Eine Frostnacht Anfang Mai hat Folgen. Einige Obstbauern in Ost- und Südbrandenburg sehen fast ihre gesamte Ernte ruiniert. Was nun?

Diese Frostkeule hat wohl niemand in Ostbrandenburg so auf dem Schirm gehabt. Um so größer war das Entsetzen bei den Obstbauern: Ein Kältestrom ließ in der Nacht vom 4. auf den 5. Mai dieses Jahres viele Fruchtansätze an Obstbäumen erfrieren, vor allem in der Gegend um Frankfurt (Oder), Müncheberg und in Südbrandenburg. Fast die komplette Ernte ist nach Angaben der Obstbauern ruiniert. Die schwarz verfärbten Fruchtansätze fielen einfach vom Baum.

"80 Prozent der Apfelbäume sind betroffen, unsere Hauptanbaukultur", sagt der Frankfurter Obstbauer Thomas Bröcker. "Ähnlich sieht es bei den Kirschen aus. Bei den Pflaumen ist die Hälfte betroffen." Bröcker leitet im Gartenbauverband Berlin-Brandenburg die Abteilung Obstbau und ist noch bei der Bestandsaufnahme für das ganze Land. Allein am Standort Frankfurt (Oder) rechnet er mit Einnahmeverlusten in Höhe von zwei Millionen Euro. In Südbrandenburg hätten Kollegen ähnliche Erfahrungen machen müssen, sagt Bröcker. Im Havelland und in Wesendahl (Kreis Märkisch-Oderland) blieben Obstbauern hingegen verschont.

Minus fünf Grad seien Anfang Mai zwischen den Bäumen gemessen worden, noch zwei Grad kälter sei es am Boden gewesen. Dieses späte Frostphänomen sei für Obstbauern nicht neu, sagt Bröcker. Im Jahr 2011 sei ganz Deutschland betroffen gewesen, auch 2017 hätten Frostnächte in Brandenburg die Obsterträge ruiniert. "In den Wettervorhersagen gab es dafür keine Anzeichen", erinnert sich Steffen Aurich, Geschäftsführer der Markendorfer Obst eG, die die Vermarktung der Ernteerträge der zwölf verbliebenen Frankfurter Obstbauern organisiert. Doch auch mit Vorhersagen hätten die Bauern wohl nicht viel tun können.

Einzige Maßnahme sei das sogenannte Frostberegnen, sind sich Aurich und Bröcker einig. Die dadurch entstehende Eishülle schütze Knospen oder Fruchtansätze. Allerdings vertragen das nur Äpfel - Pflaumen oder Süßkirschen hingegen nicht. Doch für ein Beregnen würden Wasser-Speicherbecken gebraucht, erklärt Bröcker. "In anderen Bundesländern wird die Installierung gefördert, in Brandenburg nicht. Doch Rücklagen, aus denen wir die Anschaffung finanzieren könnten, haben wir nicht."

Das Frostberegnen hätte im aktuellen Fall noch mehr Schaden angerichtet, meint hingegen Hilmar Schwärzel, Leiter der Brandenburger Obstbauversuchsstation in Müncheberg (Kreis Märkisch-Oderland). "Der Kältestrom wurde durch den Nordostwind regelrecht in bestimmte Regionen gedrückt", sagt Schwärzel. "Beim Beregnen wäre das Eis so dick geworden, dass in der Folge ganze Äste oder Bäume abbrechen würden."

Der erfahrene Obstbaumforscher spricht von einer Extremwetterlage, wie er sie in den vergangene 50 Jahren noch nicht erlebt habe. Die Auswirkungen beträfen nicht nur Obstbäume. "Die jungen Triebe an Buchen, Platanen, Eichen und Robinien sind sogar in zehn, zwanzig Metern Höhe erfroren. Ebenso Fruchtansätze bei Maulbeeren und Walnüssen und sogar Quitten", ergänzt er. "Zwei Orte weiter gibt es hingegen gar keine Frostschäden." Schwärzel plädiert für die Anpflanzung von Hecken zwischen den Obstbäumen, die zumindest den Wind abhalten würden. Der Klimawandel führt seiner Ansicht nach zu einer Zunahme solcher Wetterextreme. "Der Februar war zu warm, nicht zum ersten Mal. Dadurch war die Vegetation jetzt schon sehr weit und der Frost konnte so extreme Schäden anrichten."

Das bestätigt auch Jens Fildebrandt vom Deutschen Wetterdienst (dwd). "Solche Kaltlufteinbrüche sind im Zusammenhang mit den Eisheiligen im Mai nicht ungewöhnlich. Weil aber die Vegetation schon so weit war, haute der Frost so richtig rein", erklärt er. In ganz Deutschland seien Obst- und Weinbauern, aber auch Feldkulturen wie Zuckerrüben und Mais betroffen gewesen. "Glück hatten die Regionen, in denen es nicht aufklarte sondern wolkig blieb", sagt der Meteorologe.

Verhindern lassen sich die Wetterkapriolen und ihre Auswirkungen nicht. Eine Allgefahrenversicherung gegen Hagel, Frost und Sturmschäden könne die Schäden für die Obstbauern aber zumindest etwas abfedern, meinen Bröcker und Aurich. "In anderen europäischen Staaten wird die gefördert, in Deutschland nicht, obwohl Berufsverbände seit Jahren darum kämpfen. Für uns ist das ein gravierender Standortnachteil", sagt Obstbauer Bröcker.

Wenn da nicht Abhilfe geschaffen werde, blute der deutsche Obstbau systematisch aus, ergänzt der Geschäftsführer der Markendorfer Obst eG, Aurich. Er plädiert auch für steuerfreie Risikorücklagen, um für Extremlagen etwas Ansparen und wieder investieren zu können.

Diskussionen zu diesen Themen gäbe es zwischen dem Bund und den Ländern schon länger, sagt Jens-Uwe Schade, Sprecher des Brandenburger Agrarministeriums. "Auch Brandenburg möchte die Frostberegnung fördern und hat dies über die Richtlinie Einzelbetriebliche Förderung zur Notifizierung angemeldet." Subventionierte Agarversicherungen, wie sie in anderen Staaten der Europäischen Union funktionierten, begrüße das Land. "Doch wir brauchen ein abgestimmtes Vorgehen von Bund und Ländern. Die Agrarministerkonferenz hat sich dazu bereits im vergangenen Jahr positiv positioniert", informiert der Ministeriumssprecher. Zur Einführung steuerlicher Rücklagen habe Brandenburg einen Vorschlag in den Bundesrat eingebracht. Im Bundestag sei der jedoch noch nicht behandelt worden, so Schade weiter.

"Die meisten kriegen früher oder später Liquiditätsprobleme. Wir brauchen flankierende Maßnahmen, um überleben zu können", bekräftigt Aurich. Schon jetzt gäben viele Kollegen mangels Unterstützung auf. Im Frankfurter Ortsteil Markendorf waren es allein sechs Obstbauern in den vergangenen Jahren.

Baumobstkulturen verschwänden zusehens in der Mark, ergänzt Bröcker. "Beerenobst ist einfacher zu schützen - mit Folien oder Fliesen. Allerdings sind da die Arbeitskosten sehr hoch. Das können sich nur große, finanzstarke Betriebe leisten."

Schlagwörter

Beregnen Hilmar Schwärzel Frostnacht Jens - Uwe Schade Baumobsternte

Leserforum

Um einen Kommentar zu schreiben, melden Sie sich bitte oben rechts an. Falls Sie noch keinen Login haben, registrieren Sie sich bitte.

Alle Leserkommentare geben ausschließlich die persönlichen Ansichten und Meinungen des Autors wieder und sind keine redaktionelle Meinungsäußerung. Für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Inhalte übernimmt die Redaktion keinerlei Gewähr.

Ihr Kommentar zum Thema

Kommentartitel
Name
(öffentlich sichtbar)
Email
(wird nicht veröffentlicht)
(Ihr Name wird auch in der Zeitung veröffentlicht. Die Adresse wird nicht veröffentlicht.)
© 2019 MOZ.de Märkisches Medienhaus GmbH & Co. KG