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Erwin Strittmatter

Erwin Strittmatter

Erwin Strittmatter (1912 - 1994) ist einer der bekanntesten ostdeutschen Dichter. In diesem Jahr jährte sich am 14. August der 100. Geburtstag. Ein Streit um seine Ehrung ist entbrannt, da ihm Kontakte zur Staatsicherheit und sein Dienst in einer Polizeieinheit, die der berüchtigten Waffen-SS unterstellt war, vorgeworfen werden.

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Strittmatter im Staatstheater: Wo warst du, Esau?

Femme fatale: Elvira (Laura Maria Hänsel) legt es darauf auf, ihrem Schwager Esau (Oliver Breite) den Kopf zu verdrehen
Femme fatale: Elvira (Laura Maria Hänsel) legt es darauf auf, ihrem Schwager Esau (Oliver Breite) den Kopf zu verdrehen © Foto: Marlies Kross/Theaterfotografin
Uwe Stiehler / 24.09.2012, 19:18 Uhr - Aktualisiert 24.09.2012, 19:26
Cottbus (MOZ) Die große biografische Lücke ist das, woran sich die Erinnerung an Erwin Strittmatter, woran sich auch die Cottbuser Inszenierung des "Laden" reibt. In drei Teilen hat Strittmatter dieses opulente Werk veröffentlicht in dem erzählt er, wie sein Alter Ego Esau Matt sich vom verträumten Jungen zum Schriftsteller entwickelt. Der zweite Teil des Romans und der erste des Cottbuser Strittmatter-Projektes enden damit, dass Esau von der Schule fliegt, weil er in einem Eifersuchtsanfall einen Lehrer ohrfeigt.

Der letzte Teil der Trilogie setzt ein, als er nach der Kapitulation Nazi-Deutschlands zu seinen Eltern und ihrem Laden zurückkehrt. Da beginnt auch die zweite Hälfte der Cottbuser Bearbeitung, die jetzt uraufgeführt wurde. Und die mit unerbittlicher Hartnäckigkeit fragt, was in der Zeit dazwischen war. Wo warst du im Krieg, Esau? Was hast du gesehen? Was hast du getan? Drei Stunden windet sich die Figur, die Strittmatter für die Entwicklung der eigenen Legende benutzte, unter dem Trommelfeuer dieser Fragen.

Auf diese Weise verabschiedet sich der Cottbuser "Laden" davon, nur die theatralische Fassung eines wegen seiner verschachtelten Erzählweise anstrengend zu lesenden und schwer zu inszenierenden Romans zu sein. Und befragt das Werden nicht nur eines Schriftstellers, sondern der Gesellschaft, in die er sich hineingeworfen fühlt - konsequenter, als das Strittmatter tat. Er hatte dem dritten Teil seines "Ladens" eine Widmung an die Wahrheit vorangestellt und sich doch so sehr in einem Gestrüpp aus Vereinfachungen, Verschweigen, Verharmlosungen und Ausflüchten verfangen, dass er an seine eigene Wahrheit nicht mehr herankam. Das jedenfalls vermutet Annette Leo, deren gerade erschienene, viel diskutierte Strittmatter-Biografie Holger Teschke (Theaterfassung) und Mario Holetzeck (Regie und Regiefassung)für ihre Laden-Bearbeitungen heranzogen. Sie konfrontieren Esau mit euphorischen Briefen, die Strittmatter von seinen Kriegseinsätzen geschrieben hatte. Da bleibt nicht mehr viel übrig von der Legende, Strittmatter sei im Krieg eine Art Pazifist in Uniform gewesen.

Esau jedenfalls schnürt es regelmäßig den Hals zu, wenn er nach seiner Soldatenzeit gefragt wird. Er würgt an der Wahrzeit, er schleicht um sie herum, er windet sich, dass es aussieht, als würde ihm das Erinnern Schmerzen bereiten. Das alles legt Oliver Breite in diese Figur, in die er sich wie ein Berserker hineinsteigert. Er spielt mit ungeheurer Präsenz und Körperlichkeit - und wäre das nicht so, drohte das Stück in sich zusammenbrechen. Dieses notorische Herumkauen auf dem Prozess der Schriftstellerwerdung, die sich ständig wiederholende, quälerische Selbstbefragung eines angehenden Autors strapaziert schon und würde auf Dauer langweilen, pumpte Oliver Breite seinen Esau nicht dermaßen mit Energie voll. Es ist kein Sympathikus, den er da gibt, sondern ein nach seinem Platz suchender, jähzorniger, sozial verkrüppelter Egomane, dem das Schreiben wichtiger ist als das eigene Kind. Da ist sie wieder, die Parallele zu Strittmatter.

Der Laden, den er im Roman noch als eine Institution beschreibt, an die sich die Familie Matt und die Leute im Dorf klammern wie an einen Felsen, rückt in dem Stück und auch in dem reduzierten Bühnenbild von Gundula Martin an den Rand. Und damit verschiebt sich auch der Ton dieser Bühnenfassung. Die Heiterkeit des ersten Teils ist einer düsteren Grundstimmung gewichen, die vom Krieg, vom Überleben, vom sich gegenseitig Übervorteilen erzählt - und davon, wie alle ihre Vergangenheit abstreifen wollen, als wäre sie ein Hemd, das einst ganz bequem war und nun kneift. Die einen dienen sich den Russen an, als wären sie deren Kettenhunde, die anderen verstecken sich hinter ihrer Naivität.

Und dann gibt es da Elvira, Esaus Schwägerin, die mit den Waffen der Frau die Familie durchbringt. Laura Maria Hänsel spielt sie wie eine Seiltänzerin, die mit Raffinesse, Mut, faulen Tricks und aggressivem Sexappeal überm Abgrund balanciert - und vergeblich versucht, Esau ins Bett zu bekommen. Das Duo Breite-Hänsel gibt dem Stück eine Spannung, ein Knistern, das nicht immer, aber oft über die Blutleere von statischen, appellhaft installierten Figurenaufstellungen hinweghilft.

Trotz solcher Schwächen funktioniert das Gesamtkonzept, ergibt die Collage aus Roman- und Briefauszügen ein stimmiges Ganzes, das Strittmatters biografische Lücke benutzt, um das Verhältnis von Dichtung und Wahrheit zu hinterfragen.

Vorstellungen: 30.9, 20.10., 17.11., jeweils 19.30 Uhr, Staatstheater Cottbus, Tel. 0355 78242424

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