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Provinziale
Filmfest stellt Programm vor - diskutieren statt missionieren

Boris Kruse / 30.09.2019, 08:00 Uhr
Eberswalde (MOZ) Jetzt haben die Shitstorms und Hassrede-Attacken auch das kleine Eberswalder Filmfest eingeholt.

Am Rande des gut einwöchigen Festivals im Paul-Wunderlich-Haus soll es vom 12. bis 19. Oktober nach dem Willen der Veranstalter auch um tiefer werdende Gräben zwischen Menschen unterschiedlicher Lebensauffassung gehen, um die immer wieder allenthalben diagnostizierte Spaltung der Gesellschaft.

Jedenfalls sehen die Verantwortlichen in diesem Jahr Anlässe genug gegeben, um mit einem etwas gespreizt "Die Provinziale und ihre Kommunikationen" betitelten Statement an die Öffentlichkeit zu gehen. Weil sie, wie Festivalleiter Kenneth Anders erklärt, ihre Aufgabe darin sehen, "dieser Lagerbildung entgegenzuwirken".

Konkret beziehen sich Anders und die anderen aus dem zwölfköpfigen Programmbeirat in ihrer Erklärung auf einen Vorfall, der schon einige Jahre zurückliegt. Da habe also ein Landwirt aus der Region sich bei der "Provinziale" aufs Podium gewagt, um über die Spannungen zwischen konventioneller Landwirtschaft und Umweltpolitik zu debattieren. Den Festivalmachern sei daraufhin via E-Mail Verrat an der ökologischen Wende vorgeworfen worden, und wenig später seien Zäune der Kuhweiden des Bauern zerschnitten worden.

Als Filmfestival für Umweltfragen und für Verwerfungen, die aus der Globalisierung, der Landflucht und der (De-)Industrialisierung erwachsen, ist die "Provinziale" bekannt geworden. In diesem Sinne tritt der Programmbeirat nun einen Schritt zurück und betont, dass aus der inhaltlichen Schwerpunktsetzung des Festivals keine politische Forderung abzuleiten sei: "Es wird oft gesagt, die Kunst müsse politisch sein und richtig ist, dass wir uns für politische Fragen interessieren", so heißt es in dem Text. "Aber die Geltungskämpfe der Politik sind nicht unsere Sache. Deshalb sind wir bei öffentlichen Erklärungen, wie sie derzeit immer häufiger verfasst und unterzeichnet werden, zurückhaltend."

Ein mäßigender Tonfall also in der Kreisstadt des Barnim, die wegen der örtlichen Hochschule für nachhaltige Entwicklung (HNE) und einer vergleichsweise starken alternativen Szene oft als Öko-Hochburg wahrgenommen wird. Und eine Einladung an Andersdenkende. Vielleicht stellt das Statement aber auch nur die konsequente Fortsetzung der filmischen Festivalarbeit mit anderen Mitteln dar. Denn bei der "Provinziale" ging es indirekt schon immer irgendwie um Spaltungen in der Gesellschaft – Spaltungen in Stadt und Land, in Weltoffene und Heimatverbundene, Progressive und Traditionelle, Gewinner und Verlierer. Mit der Besonderheit, dass die Frage, wo die eigentlichen Gewinner und Verlierer zu verorten seien, in vielen der gezeigten Filme ambivalenter und vielschichtiger erörtert wird als dies in den medialen Debatten oft der Fall ist.

Weiterhin hat der das Festival tragende Verein Sehquenz e. V. in diesem Jahr die Wettbewerbsauswahl geändert: Statt eines Aufrufes an Filmemacher, Beiträge einzusenden, gab es erstmals gezielte Einladungen. Besucher dürfen gespannt sein, ob und wie sich dieses Prozedere in Form einer noch stärkeren Orientierung am inhaltlichen Leitbild bemerkbar macht. Auf jeden Fall beobachtet Festivalleiter Anders einige Überraschungen. So etwa der irische Beitrag "The Lonely Battle Of Thomas Reid" von Regisseur Feargal Ward, die Geschichte eines wenig erfolgreich wirtschaftenden Bauern und Außenseiters, der sich beharrlich staatlichen Landkaufplänen widersetzt. Einige Szenen sind wie im Spielfilm nachgestellt, aber mit den Originalakteuren. "Da werden die Grenzen des Dokumentarfilmgenres weit gedehnt", so der Kulturwissenschaftler Anders.

Eröffnet wird das Festival am Sonnabend (12.10.), 18 Uhr, mit dem polnischen Lang-Dokumentarfilm "Symfonia Fabryki Ursus" von Jasmina Wojcik. Darin reinszenieren ehemalige Mitarbeiter der Ursus-Traktorenwerke ihre alte Tätigkeit. Mehrere Filmemacher haben ihre Teilnahme an Publikumsgesprächen zugesagt. Unter anderem wird der Däne Frederik Solberg über seine Lang-Doku "Doel" reden, die das Leben einiger Menschen in einer Gegend am unwirtlichen Rand des Industriehafens von Antwerpen zeigt.

12.–19. Oktober, Paul-Wunderlich-Haus, Eberswalde, Telefon: 03334 2793334, www.filmfest-eberswalde.de

Die Wettbewerbe und das Drumherum

Vier Programmsparten bestimmen auch im 16. Jahr des Filmfestes das Geschehen. Im Hauptwettbewerb werden acht lange Dokumentarfilme gezeigt; diese Sparte ist mit einem Preisgeld in Höhe von 4000 Euro dotiert. Im zweiten Wettbewerb sind 14 Kurzfilme zu sehen – für den Siegerbeitrag gibt es 2000 Euro. Und schließlich werden noch jeweils 1000 Euro für die beste Kurzdokumentation und den besten Animationsfilm ausgelobt. Als Sonderpreis wird "Der Stachel" für eine filmische Auseinandersetzung mit Nachhaltigkeitsproblemen verliehen. Insgesamt werden in den Wettbewerben 41 Filme gezeigt. Außerdem gibt es noch ein Rahmenprogramm mit weiteren Filmvorführungen zum Beispiel über Landwirtschaft, mit Podiumsdiskussionen und Kinderangeboten. Im Festivalclub locken ab 22 Uhr nach den Filmvorführungen noch Konzerte und Lesungen. ⇥bkr

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