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Das 16. Eberswalder Filmfest eröffnet mit dem Leinwanddebüt einer polnischen Künstlerin, die Industriegeschichte wieder aufleben lässt.

Kino
Eine Sinfonie zum Start der 16. Provinziale

Marco Marschall / 13.10.2019, 19:14 Uhr
Eberswalde (MOZ) Es ist noch hell draußen als Eberswaldes Cineasten das diesmal vom Künstler Hendrik Schade ganz in Grün gestaltete Tor zur Provinz am Paul-Wunderlich-Haus durchschreiten. Das Tageslicht weist auf eine Neuerung hin. Der Filmgong ertönt zum Premierenabend eine Stunde früher als in den Vorjahren – auch damit im Festivalklub mehr Zeit bleibt, um über das Gesehene zu reden.

Doch natürlich folgt auf den Gong am Sonnabend nicht sofort der erste Film. Die erst in diesem Jahr gegründete mehrsprachige Gruppe Kala Tuli aus Berlin um die in Moskau geborene Sängerin Anastasia Gubareva tritt, ein Musiker nach dem anderen, aus dem Publikum vor die Leinwand. Dabei erklingen Trompete, Gitarre und Akkordeon gänzlich unverstärkt und stimmen auf die eine Woche mit Filmen aus der ganzen Welt ein.

Populus und Bildungsbürgertum

Festivalleiter Kenneth Anders hält die Eröffnung kurz, spricht das diesjährige Motto "Kommunikation" und die diesjährigen Provinziale T-Shirts mit dem Aufdruck "Populus" an. Einzelne Jury-Mitglieder des von der Hochschule ausgelobten Preises "Der Stachel" werden vorgestellt und Bürgermeister Friedhelm Boginski weist darauf hin, wie wichtig es ist, Angebote für alle Menschen der Stadt zu machen. Nicht allein fürs Bildungsbürgertum, wo er das Publikum dieses Abends verortet sieht.

"Wir geben uns Mühe", so Kenneth Anders dazu. Der Festivalleiter dankt vorab den Geldgebern, die die Provinziale mit Kontinuität unterstützen und den vielen helfenden Händen. Und er weist darauf hin, dass es für jedes Werk in den vier Kategorien Animationsfilm, Dokumentarfilm ab und bis 45 Minuten sowie kurzer Spielfilm wieder sowohl einen Jury- als auch einen Publikumspreis gibt.

Es folgt der erste Film und der ist sofort eine Sinfonie. "Unter dem machen wir es nicht", sagt Udo Muszynski vom Provinziale-Team in seiner Anmoderation. "Symfonia Fabryki Ursus" (Symphonie der Ursus-Fabrik) ist das Filmdebüt der polnischen Künstlerin Jasmina Wójcik. Der Eröffnungsfilm aus der Kategorie Dokumentarfilm ab 45 Minuten begleitet ehemalige Mitarbeiter der Ursus-Traktorenfabrik in Warschau an ihren früheren Arbeitsplatz. Wo einst Tausende Arbeiter im Takt der Maschinen miteinander verbunden waren, bewegen sie sich nun zwischen Schutt und Fabrikruinen, sollen Produktionsgeräusche und die Bewegungen ihrer Tätigkeit nachspielen. Die Geräusche werden stückweise ineinandergemischt. Zum tonalen Mix kommt später eine Choreografie von Ursus-Traktoren, die an alter Produktionsstätte auf ihre Erbauer treffen. Interviews mit den Protagonisten begleiten den Zuschauer auf dem Weg zum Finale.

"Es hat sich jetzt schon gelohnt. Sehr beeindruckend", urteilt Hans-Michael Mundt nach dem auf polnisch mit englischem Untertitel gezeigten Eröffnungsfilm. Marianne Kühne stimmt zu. Die Rentner aus Melchow sind seit mindestens zwölf Jahren Provinzialegänger, im Besitz eines Festivalpasses und schauen nach Möglichkeit jeden Beitrag. Etwa 35 dieser Pässe – die den Eintritt zu jedem Filmblock ermöglichen – wurden bisher verkauft.

Joanna Tatko, Produktionsmanagerin des Ursus-Films ist erster Gast beim anschließenden Filmgespräch. Sie schildert, wie berührt einige der Protagonisten waren und es wichtig fanden, dass ihnen eine Stimme gegeben wurde. Nun solle sogar ein Museum zur Traktorenfabrik entstehen. Es sei ein Film, der in Eberswalde verortet ist, lautet Lob aus dem Publikum. Schließlich hätten die Menschen auch hier das Ende der Großbetriebe erleben müssen und haben heute zum Teil nur noch deren Ruinen vor Augen.

Kolumne zur Provinziale: Bizarre Gegend und ein Zuhause

Das Wort Heimat wird gern mit roten Dächern und grünen Wiesen verbunden. Viel interessanter ist die Frage, ob die Menschen sich ihren Raum selbst aneignen können. So können auch scheinbar hässliche Industrieviertel zur Heimat werden. Doel ist eine kleine Geisterstadt, eingeklemmt zwischen dem großen Industriehafen von Antwerpen und einem Atomkraftwerk. Verfall, Beharrung, spontane Partys und sogar eine touristische Vermarktung prägen die Szenerie. Man hat durchaus Verwertungsinteressen für diese bizarre Gegend, aber es scheint nicht ganz einfach zu sein, die alten und neuen Bewohner und Nutzer loszuwerden. 26 Menschen halten hier an etwas fest, das für sie ein Zuhause ist.An diesem Konflikt setzt der Film mit einer solidarischen Haltung an. Er bietet eine kluge Beschreibung im Sinne einer stadtsoziologischen Studie, wartet aber auch immer wieder mit Humor, Dystopie und Romantik auf. Mit prägnanten Sounds und einer gezielten Kameraführung arbeitet sich der dänische Filmemacher Frederik Sølberg in die Tiefe des Raums, durch Fenster und Fahrzeuge in die Straßenfluchten eines eigenwilligen Quartiers. Es ist sein erster Dokumentarfilm und in unserer diesjährigen Wettbewerbsauswahl sicher einer der Beiträge, in denen besonders viel Wert auf die ästhetische Komposition gelegt wurde.⇥Kenneth Anders

Doel, heute, 20 Uhr im Block 7, 67 min OT Niederländisch / UT Englisch

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