Das Nachrichtenportal für Brandenburg
Startseite Märkische Onlinezeitung - MOZ.de

Ohne sie geht hier nichts: Ein Team aus fünf Übersetzern macht die Beiträge für das Publikum verständlich.

Provinziale
Übersetzer sorgen in Eberswalde für Verständnis

Ellen Werner / 18.10.2019, 06:45 Uhr
Eberswalde (MOZ) Aufgeregt?, "Nö", sagt Kathrin Welke. Hinter abgedunkelten Scheiben in einem Raum über dem Zuschauersaal wartet sie auf ihren Einsatz – den ersten beim Filmfest. "Ich habe schon beim Radio gearbeitet", erklärt die Spanisch- und Englischlehrerin von den Oberbarnimschulen ihre Gelassenheit. Für Provinziale-Zuschauer, die sich Kopfhörer geholt haben, spricht sie am Mittwoch Übersetzungen für den iranischen Kurzspielfilm "Reqsi Beray Marg" ("Ein Tanz für den Tod") ein.

Seit 2014 hat das Filmfest die Übersetzer an Bord. Fünf sind sie in diesem Jahr im Team, das zur Helferschar hinter den Festivalkulissen gehört. Gegen eine Aufwandsentschädigung übertragen sie sämtliche Dokumentarfilme, die in Englisch laufen oder englische Untertitel haben, ins Deutsche. Von 15 Filmblöcken sind das diesmal ganze neun. Dem Publikum, das die Stimme im Ohr vorzieht, stehen 90 Kopfhörer zur Verfügung. "Die Auslastung ist ganz unterschiedlich", sagt Sascha Leeske, Cheforganisator der Provinziale. Bisher hätten die Kopfhörer immer gereicht.

Die 41 Wettbewerbsfilme kommen aus 20 Ländern und fast ebenso vielen Sprachen. Aus der Originalsprache werden aber die wenigsten übersetzt. Eine Anforderung an Filmemacher, die Beiträge einsenden, sind deutsche oder englische Untertitel. "Die Übersetzer bekommen von uns dann die Dialoglisten und können sich vorbereiten", so Leeske.

Bei manchen Filmen wäre es auch möglich, spontan zu übersetzen, sagt Christa Lucko. "Aber wir gehen da sicher." Die 70-jährige Eichhorsterin, die als Gymnasiallehrerin Englisch und Russisch unterrichtet hat, und ihr Mann Peter (76) sind seit einigen Jahren mit von der Partie. "Mein Mann noch länger – im ersten Jahr habe ich mich nicht getraut", erzählt sie. Unter anderem spricht sie am Mittwoch den langen Dokumentarfilm "Singen" über den Kehlkopfgesang sibirischer Ureinwohner mit. Ein Wasserglas immer neben sich. Zum Räuspern in Sprechpausen blendet sie den Ton professionell aus.

Nach der Übersetzung der Dialoge sehe sie sich den Film am Computer an. "Und dann übt man das Ganze ein, so dass man es bei der Vorführung auf den Punkt kriegt." Wobei es sich in einigen Fällen eher um Interpretationen als Übersetzungen handele, "weil das Englisch nicht so gut ist".

Das sei gar nicht mal so selten, bestätigt Florian Wolf (37), der von Beruf Filmübersetzer ist. "Das ist auch die große Ausnahme, dass ich Filme übersetze, deren Originalsprache ich nicht kenne", sagt er. "Das würde ich professionell nicht machen." Seit drei Jahren lebt der Stuttgarter in Eberswalde. Allerdings kam er nicht wegen der Arbeit her, wusste damals nicht einmal vom Filmfest. "Ich habe in Heidelberg eine Brandenburgerin kennengelernt", erzählt der zweifache Vater.

Richtiges Timing ist das A und O

In Heidelberg hat der Stuttgarter studiert und auch Filmübersetzen gelehrt. Die noch ganz frische Kooperation zwischen der Uni dort und der Provinziale hier hat er eingefädelt. Wolf, der selbst aus dem Italienischen, Spanischen und Englischen übersetzt, hat im Rahmen eines Seminars mit Studierenden deutsche Filmtitel für die vier Filme im 18 Uhr-Block vom Donnerstag erarbeitet – natürlich aus den Originalsprachen Spanisch, Französisch und Türkisch.

Weil das Untertiteln viel mehr ist als nur Übersetzen, will es gelernt sein. "Schlechte Untertitel erkennt man daran, dass man sie nicht zu Ende lesen kann", sagt Wolf. Das richtige Timing ist das A und O. Es geht um den Spannungsaufbau, die Filmästhetik, den Sprachrhythmus und vieles mehr. Hauptberuflich übersetzt Florian Wolf zur Zeit eine spanische Gangsterserie. Als Subunternehmer hat er auch schon für die Berlinale gearbeitet.

Selbst einsprechen würde er seine Übersetzungen normalerweise nicht. "Aber Spaß macht das auf jeden Fall." Zu hören war der Übersetzer in Eberswalde unter anderem am Eröffnungsabend.

Schlagwörter

Leserforum

Um einen Kommentar zu schreiben, melden Sie sich bitte oben rechts an. Falls Sie noch keinen Login haben, registrieren Sie sich bitte.

Alle Leserkommentare geben ausschließlich die persönlichen Ansichten und Meinungen des Autors wieder und sind keine redaktionelle Meinungsäußerung. Für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Inhalte übernimmt die Redaktion keinerlei Gewähr.

Ihr Kommentar zum Thema

Kommentartitel
Name
(öffentlich sichtbar)
Email
(wird nicht veröffentlicht)
© 2020 MOZ.de Märkisches Medienhaus GmbH & Co. KG