Das Nachrichtenportal für Brandenburg
Startseite Märkische Onlinezeitung - MOZ.de

Wohnungsmangel
"Spekulativer Leerstand"? – Streit um Tempelhofer Feld

Der Himmel spiegelt sich in einer Regenpfütze vor einem Windskater und einer Spaziergängerin auf dem Tempelhofer Feld.
Der Himmel spiegelt sich in einer Regenpfütze vor einem Windskater und einer Spaziergängerin auf dem Tempelhofer Feld. © Foto: Kay Nietfeld/dpa
dpa / 17.06.2019, 12:15 Uhr
Berlin (dpa) Als innerstädtische Freifläche fasziniert das Tempelhofer Feld nicht nur die Menschen in der Hauptstadt. Angesichts der Wohnungsnot ist das geschichtsträchtige Feld aber auch als Bauland interessant.

Tempelritter, Königs-Paraden und Rosinenbomber waren nur einige der Nutzer des Tempelhofer Feldes, bevor Kite-Surfer, Künstler und Hobbygärtner den 2008 stillgelegten Flughafen für sich entdeckten. Wie sieht das Tempelhofer Feld von Morgen aus? Angesichts knappen bezahlbaren Wohnraums ist immer öfter von einer Randbebauung des Areals mit Sozialwohnungen die Rede.

Mit einem Volksentscheid im Jahr 2014 hatten die Berliner jegliche Randbebauung auf der Freifläche abgelehnt. Seitdem verbietet das Tempelhof-Gesetz eine Bebauung. Aber muss es dabei bleiben?

Teil des Feldes bereits bewohnt

Schon jetzt ist ein Teil der Randfläche bewohnt. 2016 nahm die Stadt kurzzeitig mehrere Tausend Flüchtlinge in den Hangars des Flughafengebäudes auf, seit Ende 2017 steht ein Container-Dorf für rund 1000 Flüchtlinge auf dem Vorfeld. Das Gesetz erlaubt eine vorübergehende Nutzung bis zum 31. Dezember 2019. Danach sollen die Container wieder entfernt werden. Was danach passiert, ist unklar.

Die Vorschläge der Fraktionen in der rot-rot-grün regierten Hauptstadt über eine mögliche Nutzung des Feldes gehen weit auseinander. Die Abgeordnete Iris Spranger (SPD) findet, dass die Berliner bei einem neuen Volksentscheid über eine Randbebauung heute anders entscheiden würden. "In den letzten fünf Jahren ist in Berlin viel passiert. Wir haben eine angespannte Wohnungslage, die Menschen sind verunsichert." Spranger plädiert für eine Randbebauung mit bezahlbaren Gewerbe- und Wohnräumen. Im Mai hatte SPD-Fraktionschef Raed Saleh eine "behutsame" Randbebauung ins Spiel gebracht.

Formal notwendig sei ein erneuter Volksentscheid nicht, sagt die Grünen-Abgeordnete Susanna Kahlefeld. Das Tempelhof-Gesetz könne wie jedes andere Gesetz im Parlament geändert werden. Dennoch sind sich alle Fraktionen im Abgeordnetenhaus einig, dass eine Randbebauung, wenn überhaupt, nur mit Zustimmung der Berliner erfolgen dürfe.

Für Kahlefeld ist das Versprechen der SPD, dass dort ausschließlich Sozialwohnungen gebaut würden, irreführend. Nach Berliner Leitlinien müsse bei Neubauplanungen der Anteil an Sozialwohnungen nämlich nur 30 Prozent betragen. "Das Versprechen von Sozialem Wohnungsbau an den Rändern ist daher eine Mogelpackung, denn wir bekämen damit eben doch 70 Prozent teuren Neubau", sagt Kahlefeld. Die Idee der Grünen sei, dass der innere Wiesenring als Freifläche erhalten bleibe. Außerhalb des Wiesenrings sollen Stück für Stück Bäume gepflanzt werden.

Kampf um Freifläche

Wie die Grünen ist die Fraktion Die Linke gegen eine Randbebauung und nennt dafür auch den Klimawandel als Grund. "Durch die fehlende Bebauung kann sich hier die Luft in der Nacht abkühlen und wirkt temperatursenkend auf die dicht bebauten Quartiere in der City", sagt Fraktionsvorsitzende Carola Bluhm. Auch die AfD-Fraktion lehnt eine "von der derzeitigen Nutzung der Freiflächen abweichende Planung ab."

Für die FDP indes ist eine Randbebauung unverzichtbar. Denkbar sei ein "Dreiklang" mit Genossenschaftsbau, sozialem und privatem Wohnungsbau, sagt Fraktionschef Sebastian Czaja. Ähnlich sieht es der CDU-Abgeordnete Stefan Evers. Die Nichtbebauung der Randflächen bezeichnet er als "spekulativen Leerstand", den sich die Berliner nicht leisten könnten. Nach der Sommerpause wolle die CDU-Fraktion einen Gesetzesentwurf einbringen, wonach Volksbefragungen Teil der Berliner Verfassung werden sollten. Spätestens zur Landtagswahl 2021 würde die CDU-Fraktion die Berliner über die Zukunft des Tempelhofer Feldes entscheiden lassen wollen.

Vom Templerorden zum Flughafen

Die Wurzeln des Tempelhofer Felds reichen bis ins 13. Jahrhundert, als es der Templerorden zu seinem Eigentum machte. Im 18. und 19. Jahrhundert ließen preußische Könige Paraden auf dem Feld abhalten. Ab 1923 stand es im Zeichen des Flughafens, 1936 begann ein Neubau im Auftrag Adolf Hitlers. Nach dem Zweiten Weltkrieg übernahm die US Air Force 1945 den Flughafen. Seit 2010 ist die Fläche ein öffentlicher Freizeit- und Erholungsort.

Schlagwörter

Leserforum

Um einen Kommentar zu schreiben, melden Sie sich bitte oben rechts an. Falls Sie noch keinen Login haben, registrieren Sie sich bitte.

Alle Leserkommentare geben ausschließlich die persönlichen Ansichten und Meinungen des Autors wieder und sind keine redaktionelle Meinungsäußerung. Für die Richtigkeit und Vollständigkeit der Inhalte übernimmt die Redaktion keinerlei Gewähr.

Ihr Kommentar zum Thema

Kommentartitel
Name
(öffentlich sichtbar)
Email
(wird nicht veröffentlicht)
(Ihr Name wird auch in der Zeitung veröffentlicht. Die Adresse wird nicht veröffentlicht.)
© 2019 MOZ.de Märkisches Medienhaus GmbH & Co. KG