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30 Jahre Städtepartnerschaft
Heilbronner Überzeugungsarbeit bei Honecker

Thomas Gutke / 29.09.2018, 15:53 Uhr
Frankfurt/Heilbronn (MOZ) Heute vor 30 Jahren besiegelten die Oberbürgermeister Fritz Krause und Manfred Weimann mit ihren Unterschriften die Städtepartnerschaft zwischen Frankfurt und Heilbronn. Zu verdanken ist das vor allem der Beharrlichkeit der Baden-Württemberger. Und Erich Honecker.

Alles beginnt in einer Kneipe in Köln: Nach einer Hörfunksendung der Deutschen Welle über Heilbronn sitzen OB Manfred Weimann und Programm-Leiter Werner Bader am  10. März 1986 noch auf ein Bier zusammen. Dabei kommt der Journalist auf seine brandenburgische Heimat zu sprechen. Und weist auf die Verbindung Frankfurt, Heinrich von Kleist, Käthchen und Heilbronn hin. „Dies kann als die Geburtsstunde der Idee einer Partnerschaft zwischen Heilbronn und Frankfurt betrachtet werden“, schreibt Christhard Schrenk. Der Heilbronner Stadtarchivar hat vor einigen Jahren zusammengetragen, wie die Städtepartnerschaft im geteilten Deutschland zustande kam.

Bereits 1984 beschloss das Heilbronner Stadtparlament, die Möglichkeit „einer Städtefreundschaft mit einer in der DDR gelegenen Stadt zu prüfen“. Zu der Zeit ist das innerdeutsche Verhältnis höchst angespannt. Die Zahl der Ausreiseanträge aus der DDR erreicht 1984 einen Höchststand, Bürger besetzen die bundesdeutsche Botschaft in Prag, Erich Honecker sagt einen Staatsbesuch in der BRD ab. Die schwierige Ausgangslage drückt sich auch in einem Schreiben des Ministeriums für innerdeutsche Beziehungen aus. Darin wird der Stadt mitgeteilt, dass die Initiative zwar begrüßenswert, die Aussicht auf Erfolg jedoch gering sei; die DDR halte die Zeit noch nicht für gekommen. Doch Heilbronn bleibt dran. Nach dem Kneipengespräch erklärt  Manfred Weimann gegenüber den Gemeinderäten, dass sich die Verwaltung von den politischen Schwierigkeiten nicht abhalten lasse. Außerdem prüfe man eine Informationsreise des Gemeinderates in die DDR.

Die Bemühungen nehmen nun an Fahrt auf. Im Vorfeld der für Ende April geplanten Reise schreibt Weimann erstmals seinen Frankfurter Amtskollegen Fritz Krause an und bittet um ein Treffen. Der Ton in dem Brief ist unverbindlich, von einer Partnerschaft ist noch keine Rede. An der Oder reagiert man verunsichert. Schließlich werden deutsch-deutsche Kontakte in der DDR wenn, dann von oben angebahnt. Entsprechend dem zentralistischen Staatsaufbau wandert die Anfrage von der Stadt an den Rat des Bezirkes und vor dort zum Ministerrat. Die Antwort fällt barsch aus. Das Ministerium für Auswärtige Angelegenheiten teilt am 1. April 1987 mit, dass „die Voraussetzungen für ein Gespräch mit dem Gemeinderat der Stadt Heilbronn nicht gegeben seien“, heißt es in der Chronik von Schrenk. Außerdem wird festgelegt, dass es für den Fall der Fälle – sollten die Heilbronner also trotzdem anreisen – keine Begegnungen unter Stadträten geben werde.

Tatsächlich bereist dann eine große Delegation aus Stadträten und der Verwaltungsspitze ab dem 27. April die DDR. Über Eisenach, Erfurt und Magdeburg geht es am 29. April auch nach Frankfurt – wovon die Reisegesellschaft allerdings erst kurz vorher erfährt. Der Frankfurter Kultur-Stadtrat Werner Mandel begrüßt die Gruppe im Rathaus, Fritz Krause selbst befindet sich auf einer Auslandsreise. Über eine Städtepartnerschaft wird auch hier noch nicht gesprochen. Manfred Weimann lädt bei der Gelegenheit trotzdem zum Gegenbesuch ein.

Zurück in Heilbronn hagelt es in den regionalen Medien Kritik. „Erste Heilbronner Partnerschafts-Expedition in die DDR war ein Fehlschlag“, berichtet beispielsweise die Stuttgarter Zeitung am 7. Mai. Die Kommunalpolitiker verteidigen sich: Man habe nicht gleich mit der Tür ins Haus fallen wollen.

Auf eine spätere schriftliche Bekräftigung der Einladung in die Käthchen-Stadt reagiert Frankfurt zunächst nicht, weshalb sich der Heilbronner OB erneut schriftlich an die Bundesregierung wendet. Der Durchbruch gelingt dann am 12. November 1987 – auf höchster politischer Ebene. In der Chronik von Christhard Schrenk heißt es, dass der Heilbronner SPD-Bundestagsabgeordnete Dieter Spöri im Rahmen eines  Besuches in Ost-Berlin zu politischen Gesprächen mit dem Staatsratsvorsitzenden der DDR, Erich Honecker zusammentrifft. „Dabei trägt Spöri den Heilbronner Wunsch nach einer Städtepartnerschaft mit Frankfurt mit so großem Nachdruck vor, dass Honecker im Verlauf des Gesprächs entscheidet, dass diese Partnerschaft eingegangen werden kann.“

Am 22. Dezember 1987 stimmen die Frankfurter Stadtverordneten der Aufnahme von Partnerschaftsverhandlungen zu. Auch Fritz Krause wird aktiv. Anfang Januar schreibt er an Weimann und fährt seinerseits vom 18. bis 20. April 1988 mit drei Ratskollegen nach Heilbronn. Dort handelt er einen ersten Vertragsentwurf aus. Nach einigen Textänderungen stimmen beide Seiten dem Vertrag schließlich zu. Dieser wird am 29. September 1988 – heute vor 30 Jahren – in Frankfurt von beiden Seiten feierlich unterzeichnet. Es ist die 36. innerdeutsche Städtepartnerschaft – die erste hatten 1986 Eisenhüttenstadt und Saarlouis begründet. Ende Oktober reisen die Frankfurter nach Heilbronn. Dort wird die Partnerschaft ein zweites Mal offiziell besiegelt.

Und fortan mit jeder Menge Leben gefüllt. Der Künstlerbund Heilbronn pflegt bis heute regen Austausch mit Kulturschaffenden aus Frankfurt. Gleiches gilt für einige Sportvereine. Außerdem reisen zum Sommercamp der Partnerstädte am Helenesee jedes Jahr auch viele Jugendliche aus Heilbronn an.

Wolfgang Pohl, von 1992 bis 2000 OB in Frankfurt, erinnert sich gern an die Anfangsjahre der Städtefreundschaft. „Wir haben uns auch zu vielen Verwaltungsfragen austauschen können, worüber wir, so kurz nach der Wende, sehr dankbar waren“, sagt er. Frankfurt habe in dem Punkt damals doppeltes Glück gehabt, so Pohl. Denn beim Aufbau der kommunalen Selbstverwaltung wurde die Stadt über die brandenburgische Verwaltungspartnerschaft mit NRW auch von Kollegen aus Mühlheim an der Ruhr unterstützt. Eine Reise an den Neckar könne Pohl jedem Frankfurter nur ans Herz legen. „Heilbronn ist eine sehr angenehme, tolle Weinstadt mit liebenswerten Menschen.“

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