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Frisch aufgebrüht

Prüfender Blick: Zum Kaffeerösten, sagt Florian Schmid-Lindner, braucht man Erfahrung und Fingerspitzengefühl.
Prüfender Blick: Zum Kaffeerösten, sagt Florian Schmid-Lindner, braucht man Erfahrung und Fingerspitzengefühl. © Foto: MOZ/Gerd Markert
Stephanie Lubasch / 08.12.2015, 09:48 Uhr
Strausberg (MOZ) Welchen Kaffee er am liebsten trinkt? "Coffeepolitan"-Chef Florian Schmid-Lindner grinst. "Ich wechsele selbst unheimlich gern die Sorten. Deshalb finde ich das, was ich hier mache, ja auch so toll!"

Vor ein paar Jahren hat der ursprünglich aus dem Großraum München stammende Betriebswirt seine gut bezahlten Jobs bei BASF und Siemens sausen lassen, um sich in Strausberg (Märkisch-Oderland) auf die eigenen Firmenbeine zu stellen. Mit Kaffee. Zuerst, sagt er, habe er die Idee einer kleinen Rösterei gar nicht so toll gefunden. "Schließlich gibt es schon so viele, die das machen, und ein richtiger Kaffee-Freak war ich auch nicht." Was sich änderte, als er dann trotzdem einige Seminare zum Thema besuchte. "Da habe ich gemerkt, dass tatsächlich alle Sorten verschieden schmecken." Und dass es da aus seiner Sicht ein paar Probleme gibt, die zu lösen nicht nur spannend, sondern vielleicht auch lohnend sein könnte.

Erst einmal: "Ich fand es blöd, dass man sich so eine Luxusmaschine kaufen soll, um guten Kaffee zu bekommen." Und dann: "Man muss immer gleich große Mengen erwerben. Dabei will ich doch lieber unterschiedliche Sorten ausprobieren." Außerdem verfliege das Aroma sehr schnell, wenn eine Tüte offen sei und der Inhalt mit Sauerstoff in Kontakt komme. Ganz zu schweigen davon, dass auch die Art, wie der industrielle Kaffee verpackt werde, dieses bereits dezimiere.

Schmid-Lindner hatte Blut geleckt. Seine Idee: Kleine, selbst geröstete Portionen von hochwertigen, sortenreinen Kaffees aus aller Welt so abzufüllen, dass sie ihr Aroma bis zur Landung in der Tasse behalten. Fast zwei Jahre lang tüftelte er herum, recherchierte Sorten, dachte übers Produktdesign nach, bastelte Proto-Typen für die Verpackung. "Alle sagten, das klappt nicht", erinnert er sich.

Kein Wunder: Immer wenn Schmid-Lindner glaubte, endlich eine Lösung gefunden zu haben, gab es ein neues Problem. Was so einfach klingt, ist nämlich beileibe nicht so einfach zu machen. Sein Plan: Frisch gerösteter Kaffee soll schon direkt nach dem Mahlen in versiegelte Portionstütchen, um so von Anfang an und unter Ausschluss von Sauerstoff das Aroma zu behalten. In der Industrie, berichtet Schmid-Lindner, warte man dagegen, bis sich die sogenannten Röstgase verflüchtigt haben - ein Prozess, der je nach Kaffeesorte und Mahlgrad etwa 24Stunden, bei dem von Coffeepolitan verwendeten groben Mahlgrad sogar mehrere Tage dauert. Eine handelsübliche Verpackung, sagt Schmid-Lindner, würden diese Gase schlichtweg zum Platzen bringen.

Am Ende hat es der 38-Jährige geschafft - seine Sticks blähen sich beim Freisetzen der Röstgase auf, ohne dabei kaputt zu gehen. Die Verpackungsmaschine, die dafür angefertigt werden musste, hat als Prototyp zwar immer wieder ihre Mucken. Aber die Produktion läuft. Bis heute ist Schmid-Lindner "selbst fasziniert davon, wie sich die zunächst flachen Beutel über mehrere Tage hinweg von innen mit den natürlichen Röstgasen füllen".

Im Februar 2013 hat er in seinen Strausberger Geschäftsräumen zum ersten Mal den Röster angeworfen. In die Gegend wollte Schmid-Lindner, weil seine Mutter von dort stammt. "Außerdem hatte ich nicht vor, ein Ladengeschäft aufzumachen, und für die Produktion allein ist es ja egal, wo man ist." Dass der Vater eines kleinen Jungen nun aus familiären Gründen doch noch zwischen alter und neuer Heimat pendeln muss, war bei der einstigen Ortswahl allerdings nicht abzusehen.

Denn auch wenn Schmid-Lindner in Bezug auf seine Firma "Coffeepolitan" gern von "wir" und "uns" spricht: Er ist ein Ein-Mann-Unternehmen. Auf 90 Quadratmetern lagert er seinen Kaffee, röstet und verpackt ihn, macht die Buchhaltung und das Marketing. Wie viel Stunden ein Arbeitstag bei ihm hat? "So darf man nicht rechnen", wehrt er ab. "Man muss sich sagen: Das ist alles Spaß!"

Allerdings einer, von dem man nicht unbedingt reich wird. "Gleich Geld zu verdienen, kann man sich erst mal von der Backe putzen", sagt der Geschäftsgründer. Bei seinen Verkostungen, die er hin und wieder in Einkaufsmärkten anbietet, komme sein Kaffee zwar immer super an. "Aber insgesamt besteht die größte Schwierigkeit doch darin, den Leuten ein neues und bislang vollkommen unbekanntes Produkt vorzustellen."

Im Moment kann man seinen Kaffee in insgesamt drei Supermärkten in Berlin und Strausberg bekommen. Ansonsten läuft das Geschäft über den Online-Handel. In Zukunft will Schmid-Lindner verstärkt auf Firmenkundengeschenke setzen - dafür können Kaffeesets, die er bereits in verschiedenen Varianten anbietet, zum Beispiel mit bestimmten Logos bedruckt werden.

Dass vor allem seine "Kaffeeweltreise" besonders gern gekauft wird, zeigt jedenfalls, dass sein Konzept aufgehen kann. Neun verschiedene Sorten, von Äthiopien bis Uganda, sind darin in Einzelportionen zu haben. Frisch in der Tasse oder im kleinen Kaffeebereiter aufgebrüht - also ganz ohne teure Maschine -, kann man so am heimischen Küchentisch testen, ob man es lieber fein-mild oder richtig kräftig mag. Und bei Schmid-Lindner dann die entsprechende Sorte in der 250-Gramm- oder Ein-Kilo-Packung ordern. "Die Idee ist ja nicht, mit den Sticks seinen gesamten Kaffeebedarf zu befriedigen", sagt er - und schiebt nach, dass es das Schlimmste sei, wenn Leute diese fälschlicherweise mit Instant-Kaffee verwechselten.

Etwas, dass wohl niemandem einfiele, der Schmid-Lindners Kaffee tatsächlich einmal ausprobiert hat. Malawi, Indonesien, Kenia, Ecuador - jede Tasse verspricht einen ganz eigenen, unverfälschten Geschmack.

18 bis 25 Minuten drehen sich bei ihm die Bohnen pro Durchgang in der Röstmaschine - je nach Kaffeesorte. Und damit um einiges länger als bei Tchibo und Co. "Beim Rösten entwickelt sich nicht nur das Aroma, es bauen sich auch die Säuren ab", erläutert der Experte. Allerdings gebe es dabei auch welche, die gewollt seien. "Als Röster muss man den Punkt finden, wo das kippt." Und zwar anhand von Farbe und Geruch sowie dem "Knacken der Bohnen in der Maschine".

Was einen guten Röster ausmacht? Erfahrung und Fingerspitzengefühl, glaubt Schmid-Lindner. So könne man auch verhindern, dass doch mal etwas verbrennt. Wie oft ihm das selbst schon passiert sei? Zum Glück, sagt er, habe er "erst eine Charge versemmelt", also etwa zehn Kilogramm Bohnen. Öfter passieren sollte das aber dennoch nicht. Schließlich steckt sein Geschäft noch in den Kinderschuhen. Sollte es sich nicht etablieren, steht Schmid-Lindner neben dem finanziellen vor allem vor einem Problem: "Mein Kaffee würde mir richtig fehlen."

Adresse: www.coffeepolitan.de

Preisspanne: von einer Schachtel Kaffee mit neun Portionen für 3,99 Euro bis zum Geschenkkoffer Kaffeeweltreise inklusive Zubereitungsset für zwei Personen für 49,90 Euro

Spezialität: Renner ist die Kaffeeweltreise mit Kaffee von fünf Kontinenten in neun Einzelportionen. Außerdem eine Empfehlung: die Espressomischung Fancy Crema.

Und das steht an: Das größte Thema für Schmid-Lindner ist derzeit die Platzierung seiner Produkte als Firmengeschenke. Auf einer großen Messe für Werbemittel will er sich dafür demnächst das Rüstzeug holen.

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