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Die Königin von Biesenbrow

Oliver Schwers / 01.12.2015, 15:21 Uhr - Aktualisiert 04.02.2016, 17:11
Angermünde (MOZ) Die Königin hat einen Schatz im backsteinernen Gewölbekeller. Der reift in kopfüber lagernden Flaschen. Durchscheinendes Kerzenlicht lässt die gelbliche Flüssigkeit darin wie Bernstein blinken. Ganz behutsam nimmt Mathias Tietze eine davon aus dem hölzernen Flaschenregal und dreht sie ein Stück. Er will die Ruhe des Kellergeistes nicht stören, der den Schlaf der Kostbarkeit bewacht. Sein Schatz ist ein seltenes deutsches Edelprodukt - ein neuer Apfelcremant aus ausgesuchten, sortenreinen und handverlesenen Früchten. Hergestellt aus noch ungestümen Jungweinen unter Verwendung originaler Champagnerhefe, reift der Cremant unter dem klangvollen Titel "Königin von Biesenbrow".

Er ist das Spitzenprodukt der gleichnamigen Landmanufaktur in dem beschaulichen Uckermark-Dorf, in dem einst der spätere Schriftsteller Ehm Welk geboren wurde. Der hätte sich wohl nie träumen lassen, dass unweit der in den "Heiden von Kummerow" beschriebenen Originalschauplätze die alkoholische Gärung zu solchem Ruhm kommen würde. Damals reichte auch der selbstgebrannte Kartoffelschnaps.

Was Mathias und Yvonne Tietze auf ihrem Bauernhof anstellen, ist die Verwirklichung eines Jugendideals - eine Familienphilosophie für den Gaumen. Ein Apfeltraum. Schon beim gemeinsamen Studium in Dresden kamen sie auf den Geschmack der gelben, roten und grünen Köstlichkeiten. Und zwar auf ausgelassenen Fruchtweinfeten. Später machten sie es sich zum Hobby, neue Sorten zu finden und alte zu bestimmen. Ein Freund schickte sie zu einem Pomologen nach Müncheberg, wo sich ihnen das ganze Paradies der Geschmacksvielfalt eröffnete. Vermutlich hielt der Wissenschaftler sie anfangs für großstadtmüde Spinner, rechnete jedoch nicht mit der Beharrlichkeit der Apfelfahnder. Nach ihrer Ankunft in der Uckermark hatten sie nichts Besseres zu tun, als jeden Freitag im Herbst quer durch die Landschaft zu ziehen, um rund 600 Apfelbäume zu inspizieren und zu verkosten. "Eine echte Sucht", sagt Yvonne Tietze.

Diese Erfahrung machten jedoch schon andere vor ihnen. "Ruhm den Siegern" prangt auf dem Etikett eines der sorgsam in Metallregalen aufgereihten Mini-Fläschchen. Nicht schwer zu erraten, dass diese Sorte bereits in Russland den Gaumen kitzelte. Im umgebauten Stallgebäude auf dem Hof der Tietzes feiern alte und neue, bekannte und vergessene Apfelsorten eine fröhliche Wiedergeburt. Dahinter steckt ein Kult: Jeder Apfel wird handgepflückt, ausgesucht, sortenrein und schonend gepresst und anschließend abgefüllt. So bleibt er auch als Saft eben ein echter "Rembrandt" und keine Vermischung aufgeklaubter Fallobstberge.

Genau darin steckt das Geheimnis der Königin von Biesenbrow. Die ungeahnten Geschmacksrichtungen entlocken selbst den uralten uckermärkischen Bauern, die mit dem Apfel groß geworden sind, ein entzücktes "Ah!". Und das will in der nicht gerade für Temperamentsausbrüche bekannten Region durchaus etwas heißen.

Die Tietzes wollen dem als "Armenvitamin" verrufenen Obst wieder zu Ruhm und Ehre verhelfen. "Der Apfel wird heute völlig unterbewertet", lautet einer der weisen Sprüche, die Apfel-Gourmet Mathias Tietze bei langen Führungen durch die Landmanufaktur zum Besten gibt. So wie andere Menschen sich genüsslich nach getaner Arbeit einen Whisky oder Portwein gönnen, greift er zum Gravensteiner aus dem hauseigenen Lager oder lässt den gezähmten herbfrischen Sprudel des einjährigen Apfelcremants durch die Kehle rinnen.

Im Berufsleben spielt die runde Frucht kaum eine Rolle. Das Ehepaar betreibt ein Planungsbüro für die Umgestaltung von Innenstädten, Gebäuden und Plätzen. Da sprudeln Ideen. Offenbar bleibt eine Menge davon fürs Private übrig. Denn in ihrer Wahlheimat Biesenbrow haben Mathias und Yvonne Tietze längst Spuren hinterlassen. Zur Landmanufaktur gehört mittlerweile auch ein Pferdehotel. Dort sollen Ausflügler ausruhen und ausreiten und ihre eigenen Lieblinge gleich mitbringen. Schlafzimmer neben dem Stall gewissermaßen.

Zum Streicheln können die Betreiber des Hofs selbst eine Menge beisteuern. Eine Katze, sieben Kater, Schafe, Kaninchen, Pferde und zwei Hunde tummeln sich auf dem ausgedehnten Gelände. Ob sie den immer wieder überraschenden Apfel-Zauber von Herrchen und Frauchen teilen, verraten sie allerdings nicht.

Im Sommer stehen verlockende Früchte in großen Holzkisten vor dem Bauernhaus. Und selbst im Dezember läuft die Presse noch. 13 Tonnen Äpfel kommen am Ende flüssig wieder heraus. Bei einer Ausbeute von 80 Prozent sind das 11 000 Liter. Der größte Teil verschwindet später im Sektkeller, nur 4000 Liter bleiben den Saftkundigen zur erlesenen Verkostung. Der "schlechte Umgang mit Lebensmitteln" machte aus dem anfänglichen Hobby einen geradezu geschäftstüchtigen Kult. Bis zu 60Sorten hatten die Tietzes zeitweilig auf Lager und in ihren 250-Milliliter-Fläschchen im Angebot. Dauerhaft konzentrieren sie sich auf etwa 20 ausgesuchte Sorten. Rembrandt bleibt auf jeden Fall dabei.

Yvonne Tietze, die eines Tages ihren kompletten Lebensunterhalt aus dem Apfelerlös bestreiten will, züchtet mittlerweile eigene Bäume. In einem kleinen Sortengarten können Kunden die blanke Vielfalt bewundern und später auch verkosten. 1100 Stämmchen stehen auf einer gerade angelegten Apfelplantage unweit der Manufaktur. Grundstein für neue Kreationen. Soeben eröffnet wurde das Apfelcafé nebst Frischsafttheke in einem umgebauten Stall. Wer mag, kann dort jeden Freitag und Sonnabend seine Schnappverschlussflasche auffüllen lassen. So wie einst Großvater das Bier holen ließ. Nur eben etwas ausgesuchter und gesünder.

Adresse: Springende 6, Angermünder Ortsteil Biesenbrow, Internet: www.koenigin-vonbiesenbrow.de

Öffnungszeiten: Der gerade eingeweihte Hofladen soll künftig jeweils am Freitag und Sonnabend öffnen. Bestellungen von Säften und Apfelcremant über das Internet. Führungen und Veranstaltungen nach telefonischer Absprache unter 033334 858940.

Preise: sortenreiner Saft im 250-Milliliter-Fläschchen zu je 2,50 Euro

Spezialität: ein- bzw. zweijähriger Apfelcremant aus hauseigener Kellerei

Und das steht an: Familien- und Betriebsfeiern mit Verkostung.

Schlagwörter

Yvonne Tietze Königin Ehm Welk Flaschenregal Schatz

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