Dabei zeigt sein Haus, dass es auch anders geht. Dort werden im Jahr 280 Patienten von der Beatmung entwöhnt. Fast 60 Prozent kommen danach ohne jede technische Hilfe aus, bei knapp 20 Prozent reicht eine Maske, die den Schlauch in der Luftröhre ersetzt.
Beatmet werden etwa Patienten mit Lungenerkrankungen, nach einem Schlaganfall oder bei Multipler Sklerose. Das Problem an längerer Beatmung ist, dass es zur Gewöhnung kommen kann. Der eigene Atemantrieb geht zurück, Muskulatur wird abgebaut. Damit der Patient das Atmen neu erlernt, wird in der Entwöhnung die maschinelle Beatmung schrittweise vermindert, damit sich die Muskulatur Stück für Stück wieder aufbaut. Das aber findet viel zu selten statt. Laut einer Studie werden 85 Prozent aller Betroffenen aus einer Intensivstation direkt in eine Beatmung nach Hause oder in eine "Pflege-WG" entlassen. Aus der sie dann nicht mehr herauskommen.
Das will Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) jetzt ändern. Sein Gesetzentwurf sieht vor, dass die Intensivpflege mit Beatmung in den eigenen vier Wänden nur die absolute Ausnahme sein darf. Denn dass viele Patienten unnötig an Beatmungsmaschinen angeschlossen bleiben, hat einen handfesten Grund – Geld.
Bis zu 20 000 Euro im Monat
Laut Siemens-Betriebskrankenkasse (SBK) werden pro Monat 15 000 bis 20 000 Euro fällig. In spezialisierten Einrichtungen fallen nur 6500 Euro an. Das Gesetz will "Fehlanreize und Missbrauchsmöglichkeiten beseitigen". Von 15 000 bis 30 000 Betroffenen ist die Rede.
Nun sollen auch für die "Pflege-WGs" die Qualitätsanforderungen steigen. Es sind immer wieder Fälle bekannt geworden, in denen dort mehrere Patienten von einer einzigen, nicht qualifizierten und schlecht bezahlten Kraft betreut wurden. Was zu "exorbitanten Gewinnen" führt, wie SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach moniert. Kein Wunder, dass die Zahl solcher Pflegedienste innerhalb von zwei Jahren um 25 Prozent gestiegen ist. Im Mai hatte zudem die Polizei Abrechnungsbetrug aufgedeckt. In Berlin, Brandenburg und Schleswig-Holstein wurde durchsucht. Es geht um Millionen.
Martin Spegel von der SBK kann den Spahn-Vorstoß nur "außerordentlich begrüßen". Er hatte für seine Kasse im Frühjahr mit der Karl-Hansen-Klinik einen Vertrag geschlossen, um eigenen Versicherten den Ausstieg zu ermöglichen. Ihn freut besonders, dass der behandelnde Arzt jetzt zwingend prüfen muss, ob eine Entwöhnung möglich ist. "Damit gibt es eine sehr gute Chance, viel mehr Patienten zurück aus der Beatmung zu holen."