Soziopathen – in der Psychologie auch Psychopathen genannt – kennen die meisten von uns nur aus Serien wie "House of Cards" oder den Medien. So glauben sie zumindest. Aber nein! Die meisten Soziopathen sind nicht gewalttätig und leben unerkannt unter uns.
Es ist die cholerische Chefin, die tiefe Befriedigung empfindet, wenn sie ihre Mitarbeiter drangsaliert. Es ist der Heiratsschwindler, der seine Frau ohne Reue bis auf den letzten Cent ausnimmt. Es ist der Staatsmann, der Bürgerkriege anzettelt und Wahlen fälscht, um seine Machtfülle zu beweisen. Oder es ist auch der unauffällige Nachbar von nebenan. Vorrangig findet man Soziopathen in der Wirtschaft, Politik, Justiz oder einem anderen renommierten Metier. Manchmal sind es auch sozial anmutende Lehrer, Psychotherapeuten oder Polizisten.
Martha Stout hat in ihrem Buch "Der Psychopath von nebenan" über das Phänomen der Soziopathie ein Augen öffnendes Buch geschrieben. Und sie gibt Hinweise, wie man Soziopathen, also Menschen, die zu einem gestörten Sozialverhalten neigen, im Alltag erkennt und ihnen begegnen muss.
Dem stellt die praktizierende Psychologin und Dozentin einen erschreckenden Fakt voran: In der Wissenschaft geht man davon aus, dass rund vier Prozent der Menschen einer Gesellschaft Soziopathen sind – also jeder 25.!

Was macht einen Psychopathen aus?

Das vorrangige Merkmal von Soziopathen ist die Gewissenlosigkeit. Normale Menschen empfinden gegenüber ihren Mitmenschen oder anderen Lebewesen eine emotionale Verbundenheit. Ein Gefühl der Verpflichtung, der Bindung und Liebe. Psychopathen hingegen fehlt das. Sie kennen dieses Unbehagen und die quälende, mahnende, innere Stimme nicht, wenn sie etwas Falsches, gar Grausames tun.
Soziopathen haben keine Skrupel. Sie betrügen, täuschen, manipulieren und sabotieren. Sie haben kein Verantwortungsgefühl, empfinden keine Reue und das Wohlbefinden von Fremden ist ihnen genauso egal, wie von Kollegen, Freunden und Verwandten. Für sie sind Menschen nur Figuren auf ihrem Schachbrett. Ihnen geht es ums Gewinnen, und darum, an Macht und Dominanz zuzulegen.
Soziopathen umgibt laut Stout ein gewisser Charme, ein unerklärliches Charisma. Sie begeben sich zudem gerne in riskante Situationen oder treffen gewagte Entscheidungen – und bringen auch andere dazu, dies zu tun. Zudem sind sie meist intelligent und gute Menschenkenner. Sie erkennen sofort anständige und mitfühlende Menschen, die in ihrem pervertierten Spiel perfekte Schachfiguren abgeben. Kein Wunder also, dass man sie in vielen Führungsriegen findet. Soziopathen sind außerdem Meister darin, Vertrautheit, Intimität und sexuelle Anziehung herzustellen. Deshalb seien sie so gefährlich, konstatiert Stout. Denn die meisten Menschen, die in ihre Praxis kämen, wären genau Opfer solcher Soziopathen.
Stout erzählt in ihrem Buch die erschreckende Geschichte einer Psychologin, die sich ihre Approbation und den Doktortitel erschwindelt hat und nun Patienten in einer Klinik betreut. Als eines Tages ein Patient mit paranoiden Wahnvorstellungen ihrer beneideten, erfolgreicheren Kollegin für das Abschlussgespräch vor ihr sitzt, hat sie keine Skrupel, ihn geschickt zu destabilisieren und ihn erneut mit einer paranoiden Episode einweisen zu lassen. Und warum war er das Bauernopfer? Warum das alles? Nur um der Reputation ihrer allseits anerkannten Kollegin zu schaden. Es ist ein geschicktes Meisterstück der Sabotage einer begehrlichen Soziopathin.
Psychopathen gieren nach anderer Menschen Schönheit, Klugheit, Beziehungen, Erfolg oder Charakterstärke, bringt es Stout auf den Punkt. Psychopathische Menschen haben einfach das Gefühl, dass das Leben sie um etwas betrogen hat. Deshalb halten sie auch ihre Handlungen für gerechtfertigt, wenn sie andere Menschen und das, was diese sich aufgebaut haben, beschädigen. Im Extremfall ist dann auch ein Mord ein geeignetes Mittel. 
Stout hat in ihrer täglichen Arbeit viel mit den Opfern dieses berühmten, gut getarnten Psychopathen zu tun. Und sie konstatiert: Der nicht-kriminelle Psychopath wird meist durch seine gewissenlosen Handlungen kein Fall für die Justiz; nur dessen Opfer für den Psychologen.

Wie kann man Psychopathen erkennen?

Dass gewissenlose Soziopathen im eigenen Umfeld nur schwer zu erkennen sind, liegt vor allem an der Tendenz psychisch gesunder Menschen, viel zu entschuldigen und anderweitige Erklärungen für das Verhalten von Soziopathen zu finden. Menschen mit Gewissen, Moral und Mitgefühl können sich laut Stout schlichtweg ein Wesen ohne all diese Eigenschaften nicht vorstellen.
Der normale Mensch ist immer eher geneigt, unangebrachte Schuldgefühle, Selbstzweifel oder Mitgefühl zu entwickeln. Führungspersönlichkeiten und Autoritäten, ihre Legitimität und Integrität zu hinterfragen, widerspricht der Natur der Meisten. Ein psychologischer Fakt, den sich in der Geschichte schon viele Schreckensherrschaften zu eigen machten.
Soziopathen sofort und narrensicher von vertrauenswürdigen Menschen zu unterscheiden, ist unmöglich, sagt Stout. Man muss Menschen erst lange Zeit kennen, um ihre Gewissenlosigkeit und potenzielle Gefahr zu sehen. Doch zeige ein Mensch ein beständig schlechtes, gewissenloses Verhalten und appelliere dennoch ans Mitgefühl, ist das ein gutes Indiz, dass man es mit einem Psychopathen zu tun hat. Bestes Beispiel: der seine Frau schlagende Ehemann, der sich am Küchentisch plötzlich selbst beweint und bemitleidet werden will.

Wie schützt man sich vor Psychopathen?

Wer einen Soziopathen in seinem Umfeld und im Alltag als solchen erkennt, sollte laut Stout immer dem eigenen Instinkt vertrauen und sich auch nicht durch vermeintliche Autorität, Ansehen, Schmeicheleien oder Charme blenden lassen. Wer jemanden dreimal bei einer Lüge erwischt, sollte diese Verlogenheit als die Quintessenz gewissenlosen Verhaltens akzeptieren.
Selbstschutz sei das Wichtigste. Dies könne man am besten, wenn man Soziopathen aus dem Wege gehe und Kommunikation sowie Kontakt ablehne. Sich auf die psychopathischen Spielchen einzulassen oder dagegen zu halten, empfiehlt Stout nicht. Gewissenlose Menschen spielen in einer anderen Liga. Es sei auch ein sinnloses Unterfangen, ihnen helfen oder sie verbessern zu wollen. Respekt, Höflichkeit und Mitleid seien gegenüber solchen Menschen nicht angebracht. Dies werde nur allzu gern ausgenutzt.
Aber den besten Rat gibt Stout ganz am Ende: Ein erfülltes Leben ärgert den Soziopathen am meisten. Und gute Menschen sollten sich auf andere gute Menschen dieser Welt fokussieren. Denn die meisten Menschen haben ein Gewissen, können lieben und haben Anstand und Verantwortungsgefühl  – nämlich immerhin 96 von 100.