"Die Chirurgen gehen durch die Zimmer und dann in den OP. Die Pflegenden sind den Patienten am nächsten", erklärt Prof. Claudia Sommer, Präsidentin der Deutschen Schmerzgesellschaft. Sie begrüßt es deshalb, dass mittlerweile rund 25 000 "Pain Nurses", also Schmerz-Krankenpfleger, in deutschen Kliniken arbeiten. "In der Medizin gibt es heute viele Möglichkeiten, Schmerzen gut und sicher zu behandeln", sagt Sommer. Dennoch leide rund ein Viertel der Patienten nach der Operation unter starken Schmerzen, und etwa die Hälfte klage über mäßig starke bis leichte Beschwerden.
"Eine unzureichende Behandlung akuter Schmerzen ist nicht nur qualvoll für den Patienten, es steigt auch die Gefahr, dass seine Beschwerden chronisch werden", sagt Sommer, leitende Oberärztin und Schmerzforscherin an der neurologischen Klinik des Uniklinikums Würzburg. Für sie steht fest: "Das Ziel, chronische Schmerzen zu verhindern und damit die Genesung zu fördern und die Lebensqualität des Patienten zu steigern, wird im Klinikalltag und in Pflegeeinrichtungen nicht immer erreicht."
Das könnte sich ändern, wenn noch mehr Einrichtungen auf Pain Nurses, also pflegerische Schmerzexperten, setzen würden, ist Sommer überzeugt. Pain Nurses dürfen in Absprache mit den Ärzten selbstständig Schmerzvisiten machen, die Behandlung überwachen und dokumentieren.
Große Verantwortung
Monika Bührer ist seit zehn Jahren eine von vier Pain Nurses am Universitätsklinikum Tübingen mit seinen 1577 Betten. "Mein Job ist sehr befriedigend, weil ich es immer wieder mit anderen Pa­tienten zu tun habe und vor allem, weil ich ihnen tatsächlich helfen kann", sagt die 52-Jährige. Wer keine Schmerzen mehr habe, sei einfach dankbar.
Die Leiterin der Schmerzambulanz der Klinik für Anästhesiologie und Intensivmedizin am Uniklinikum Tübingen, Dr. Barbara Schlisio, sagt: "Pain Nurses übernehmen beispielsweise bei der Schmerzvisite die Kontrolle der Medikation und der korrekten Lage der Schmerzkatheter sowie die Dokumentation der Therapie. Sie untersuchen die Patienten neurologisch und tragen damit Verantwortung für das Erkennen von Komplikationen bei rückenmarksnahen Anästhesien." Außerdem seien Pain Nurses "unsere Top-Motivatoren", betont Schlisio: "Sie sorgen dafür, dass die Patienten aufstehen und mobilisiert werden." Bührer: "Viele glauben, sie dürften sich nicht bewegen. Aber dann kann es zu Lungenproblemen oder Thrombose kommen."
Nur etwa 50 Prozent der Patienten können ihre Schmerzen auf einer Skala von 0 (= gar kein Schmerz) bis 10 (schlimmste Schmerzen) einordnen, berichtet Schlisio. Also muss die Pain ­Nurse so genannte funktionale Parameter untersuchen – etwa: Kann der Patient noch gut durchatmen? Bührer weiß auch, dass Schmerzen nicht immer Schmerzen bedeuten. "Manchmal heißt das einfach: ,Ich habe Angst.’ Angst vor der Operation, Angst, es könnte ein Tumor sein." Zur Aufgabe der Pain Nurse gehört es dann auch, den Patienten solche Ängste zu nehmen. Dazu müssen bisweilen die Angehörigen mit ins Boot geholt werden, erklärt Schlisio. Bei Kindern ist das ohnehin wichtig.
Zwischen Arzt und Patient
"Pflegende übernehmen eine tragende Rolle in der Schmerztherapie und bilden eine Schnittstelle zwischen Arzt und Patient", betont auch Jürgen Osterbrink, Professor für Pflegewissenschaft, in der Deutschen Ärztezeitung.
Pain Nurses müssen alle Arten von Schmerzmitteln und deren Wirkung kennen. Wobei manche gespritzt, andere mit einer Medikamentenpumpe verabreicht oder als Pflaster geklebt werden. Zudem gibt es Verfahren, bei denen der Schmerz ganzer Körperregionen ausgeschaltet wird.
"Vorbei sind die Zeiten, in denen Patienten an das Medikament angepasst wurden. Heutzutage soll das richtige Medikament für den Patienten gefunden werden", sagt Prof. Sommer. Die Pain Nurse ist dafür eine wichtige Kontaktperson. Nicht zu unterschätzender Nebeneffekt: Durch individuelle Schmerztherapie braucht es weniger Schmerzmittel.

Weiterbildung für Pflegekräfte


Spezialisierung Seit fast 15 Jahren gibt es die speziell auf das Thema "Schmerz" ausgerichtete zehnwöchige Weiterbildung für Pflegekräfte. Voraussetzung dafür ist eine abgeschlossene Berufsausbildung in der Pflege oder der Physiotherapie. "Pain Nurse", "Pain Care Manager" oder "Algesiologische Fachassistenz in der Pflege" sind die Bezeichnungen, unter denen schmerzbehandlungserfahrene Pflegende in rund 70 Prozent der Krankenhäuser hierzulande tätig sind, wie eine in der Fachzeitschrift "Der Schmerz" veröffentlichte Untersuchung gezeigt hat. In kleineren Häusern werden sie demnach häufig auf Pflegestationen eingesetzt, in großen Kliniken mit mindestens 700 Betten in Akutschmerzdiensten und auf Intensivstationen. ih