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Corona
Deutsch-polnische Forschung - Corona nicht die erste Krise für die Nachbarn

Fiebermessen an der Oder: Ein polnischer Beamter kontrolliert in Słubice. Bis 12. Juni dürfen Deutsche nicht einreisen. Die Corona-Krise zeigt nicht zum ersten Mal, wie abhängig die deutsch-polnische Grenzregion von äußeren Einflüssen ist.
Fiebermessen an der Oder: Ein polnischer Beamter kontrolliert in Słubice. Bis 12. Juni dürfen Deutsche nicht einreisen. Die Corona-Krise zeigt nicht zum ersten Mal, wie abhängig die deutsch-polnische Grenzregion von äußeren Einflüssen ist. © Foto: Patrick Pleul
Dietrich Schröder / 19.05.2020, 03:30 Uhr - Aktualisiert 19.05.2020, 06:49
Frankfurt (Oder). (MOZ) Eigentlich müssten  Kamil Bembnista und seine Wissenschaftskollegen vom IRS Erkner (siehe Info-Kasten) sowie der Adam-Mickie­wicz-Universität Poznan viele der Interviews, die sie in den vergangenen zwei Jahren geführt haben, derzeit noch einmal neu führen.

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Die sieben Forscher untersuchen seit 2018, wie stabil grenzüberschreitende Strukturen sind, die seit der Abschaffung der Grenzkontrollen an Oder und Neiße im Jahr 2007 entstanden.

Beispiel aus dem Jahr 2014

"Die Schließung der Übergänge durch die Corona-Krise ist natürlich ein einschneidendes Ereignis", sagt der 32-jährige Soziologe Bembnista, der in Bydgoszcz geboren wurde, aber schon seit drei Jahrzehnten in Deutschland lebt. Allerdings sei die Epidemie auch "nicht das erste große Ereignis, das sich auf den Alltag der Nachbarn auswirkt".

Als Beispiele nennt er die Arbeitnehmer-Freizügigkeit seit 2014, die zu einer großen Migrationswelle von Polen nach Deutsch-land führte, und die Flüchtlingskrise von 2015/16, die im Zusammenhang mit dem Regierungswechsel in Polen auch schon zu einer gewissen Abgrenzung führte.

Eine Haupterkenntnis ihrer bisherigen Untersuchungen, wonach die grenzüberschreitenden Kommunikationsräume gar nicht so stabil sind, habe sich durch die derzeitige Entwicklung noch bestätigt. Der Wissenschaftler spricht von "diskursiven Machtkämpfen", und meint damit, dass sich Polens Regierung wie auch zahlreiche Medien des Nachbarlandes seit Jahren stärker von Entwicklungen in Deutschland abgrenzen, als man das in den Jahren nach 1990 getan habe.

PiS und AfD verdanken Flüchtlingskrise Erfolg

Unvergessen ist etwa eine Äußerung von Jaroslaw Kaczynski aus dem polnischen Parlamentswahlkampf von 2015, laut der die Flüchtlinge Parasiten und Bakterien mit nach Europa brächten, "die in ihren Körpern unschädlich sind, für die Europäer eine Gefahr". Zwar nicht ganz so ausschließlich wie die AfD in Deutschland verdankte die PiS in Polen der Flüchtlingskrise ihren Erfolg. Heute betrachte sie das Corona-Virus als eine ähnliche Gefahr für Polen, die – wie die Flüchtlinge – aus dem Ausland stammt.

Einen Unterschied innerhalb der Grenzregion sieht der Forscher jedoch darin, "dass es nach den jetzigen Grenzschließungen zu gemeinsamen Protesten und Solidaritätserklärungen in beiden Ländern kam". Die Corona-Krise könnte vielleicht sogar zu einer Annäherung zwischen Deutschen und Polen beitragen, so wie die Oderflut von 1997, bei der den Menschen in beiden Ländern bewusst wurde, dass sie an einem Fluss leben, der an der Grenze keinen Halt macht. Letzteres sei jedoch eine bisher noch unbestätigte Vermutung.

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Institut für Raumbezogene Sozialforschung Erkner

Das Institut für Raumbezogene Sozialforschung (kurz IRS) in Erkner, an dem gegenwärtig rund 75 Wissenschaftler arbeiten, war nach 1990  aus dem ehemaligen Institut für Städtebau und Architektur der Bauakademie der DDR hervorgegangen. Es beschäftigt sich mit der sozialwissenschaftlich orientierten Raumforschung. Dabei werden sozial- und wirtschaftsräumliche Verflechtungen untersucht und Institutionen- und Milieubildungen analysiert. Das Institut erschließt damit Grundlagen für politisch-planerisches Handeln. Als überregionale Forschungseinrichtung wird es gemeinsam vom Bund und von der Gemeinschaft der Länder finanziert.⇥ds

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