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Ausbildung
Handwerk will Abwerbeprämie für Lehrlinge

Nachwuchssorgen: Für viele Betriebe ist die Suche nach geeigneten Auszubildenden immer schwieriger geworden, deshalb wollen die Firmen den Nachwuchs nun länger an sich binden.
Nachwuchssorgen: Für viele Betriebe ist die Suche nach geeigneten Auszubildenden immer schwieriger geworden, deshalb wollen die Firmen den Nachwuchs nun länger an sich binden. © Foto: Martin Schutt/dpa
Dieter Keller / 04.06.2019, 09:00 Uhr
Berlin (MOZ) Der Fachkräftemangel führt immer häufiger dazu, dass junge Leute gleich nach Abschluss der Lehre von anderen Unternehmen abgeworben werden, klagt der Präsident des Zentralverbands des Deutschen Handwerks, Hans Peter Wollseifer.

Dabei haben die Ausbildungsbetriebe in drei Jahren Lehre viel Geld in sie investiert. Daher bringt er einen finanziellen Ausgleich ins Spiel, der an den Abwerbemarkt im Fußball erinnert: "Ich persönlich denke über eine Entschädigung für Betriebe nach, denen Azubis direkt nach der Lehre abgeworben werden", sagte er.

Die Konsequenz wäre, dass ein Unternehmen Azubis in den ersten Jahren nach Abschluss der Lehre nur abwerben darf, wenn es dem Ausbildungsbetrieb einen Teil seiner Kosten ersetzt. Denn gerade für Handwerker sind diese Kosten eine erhebliche Belastung. Im ersten Jahr kostet die Ausbildung nach Wollseifers Worten viel Geld, im zweiten etwas weniger. "Im dritten Lehrjahr kommt dann auch ein bisschen was rein", so der Handwerkspräsident.

Nach der neuesten Kosten-­Nutzen-Rechnung des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) hat ein Betrieb pro Azubi jährliche Kosten von etwa 18 000 Euro. Gleichzeitig erwirtschaftet er mit ihm rund 12 500 Euro. Die dreijährige Ausbildung lassen sich Industrie, Handwerk und Dienstleister also im Schnitt über 16 000 Euro kosten. Wie hoch die Ausgleichszahlung des neuen Arbeitgebers sein soll, lässt der Handwerkspräsident allerdings offen.

Das Handwerk bildet 28 Prozent aller Lehrlinge aus. Zwei von drei wandern im Verlauf ihres Erwerbslebens in andere Wirtschaftsbereiche ab, schätzt Wollseifer. Die Bundeswehr wirbt sie ebenso ab wie Industrieunternehmen, die häufig mit deutlich höheren Löhnen locken. Genauere Daten gibt es nicht.

Nach einer Analyse des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) der Bundesagentur für Arbeit (BA) wurden etwa zwei Drittel aller Azubis der Abschlussjahre 2013 und 2014 vom Ausbildungsbetrieb übernommen. In Ostdeutschland war der Anteil etwas kleiner. Weitere 21 Prozent wechselten gleich den Betrieb. Es ist aber nicht bekannt, ob sie ein Übernahmeangebot hatten. Neuere Zahlen gibt es noch nicht.

Nach der Analyse des IAB verlässt nur jeder zehnte Azubi, der vom Ausbildungsbetrieb übernommen wird, seine ursprüngliche Berufsgruppe. Wer dagegen in eine andere Firma wechselt, nimmt häufig auch eine ganz andere Arbeit auf.

Der Industrie- und Handelskammertag (DIHK) hat Zweifel, ob finanzielle Hürden rechtlich möglich wären. Daher sei wichtig, dass die Betriebe die Übernahme mit den Azubis möglichst frühzeitig vereinbarten, sagte Vize-Hauptgeschäftsführer Achim Dercks dieser Zeitung.

Sorgen bereitet dem Handwerk nach Wollseifers Worten auch die geplante Mindestausbildungsvergütung. Nach dem Plan von Bildungsministerin Anja Karliczek (CDU) sollen Lehrlinge im ersten Ausbildungsjahr mindestens 515 Euro bekommen, im zweiten und dritten noch mehr. Das belaste insbesondere Betrieben in Ostdeutschland. Denn es sei schwierig, Mehrkosten von 200 Euro im Monat auf die Kunden umzulegen. Diese seien vielfach nicht bereit, "die handwerkliche Leistung angemessen und vernünftig zu honorieren". Höhere Löhne und Vergütungen für Beschäftigte zu fordern, sei das eine, aber das andere, dann für die Handwerksleistung auch einen entsprechenden wertschätzenden Preis zu zahlen.

Weniger Lehrgeld im Osten

Nach Zahlen der BA bekamen Ende 2017 fast 65 000 Azubis weniger als 400 Euro im Monat, weitere 50 000 unter 500 Euro. Fleischer erhalten beispielsweise nach den BIBB-Daten in Ostdeutschland im ersten Lehrjahr 310 Euro, im dritten 465 Euro. Im Westen muss laut Tarifvertrag mehr als doppelt so viel gezahlt werden.

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