Unter hohem Blutzoll hat die Rote Armee ein Dorf in der Nähe von Rschew erobert und damit eine Lücke in die deutsche Frontlinie vor Moskau gerissen. Die Position soll auf jeden Fall gehalten werden und die Wehrmacht will um jeden Preis das Gebiet zurückerobern.

Fleischwolf von Rschew

Verstärkung ist für die Rotarmisten nicht in Sicht. Nichts zu essen, viele Verwundete und in Erwartung eines übermächtigen Angriffs entsendet der Stab jedoch nicht Nahrung und Nachschub, sondern einen Offizier der Sondereinheit. Der soll sicherstellen, dass die Moral der Truppe nicht durch deutsche Flugblätter gefährdet wird. Das bringt sogar den befehlshabenden Offizier der Einheit auf die Palme. Und so eskaliert die Situation, erschöpfte und ausgehungerte Soldaten, umringt von Feinden, mitten im Winter, den sicheren Tod vor Augen. Nicht von ungefähr wurde die Schlacht später als der Fleischwolf von Rschew bezeichnet.
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Dabei ist das Kriegs-Geschehen um die Stadt wenig bekannt und wenig erforscht. Es gilt jedoch als eine der intensivsten Materialschlachten des II. Weltkrieges. Man geht von knapp zwei Millionen Toten und Verwundeten auf beiden Seiten aus. Nicht von ungefähr erhielt der Film im englischen Sprachraum den Titel „Unknown Battle“. Igor Kopylov gibt sich nun redlich Mühe, diese Wissenslücke zu füllen. Die erste Viertelstunde der Laufzeit lässt der Regisseur das Kriegsgeschehen einfach auf den Zuschauer wirken. Brutal, ohne Rücksicht auf Befindlichkeiten und mit teils drastisch-plakativen Bildern - etwa, wenn der Politoffizier den zögernden Rotarmisten an der Hand einfach mit sich zieht und dabei nicht merkt, dass da nur noch ein halber Körper folgt.

Kein Heldenepos

Aber auch im weiteren Verlauf ist Kopylov nicht zimperlich, vor allem der Geschichte seines Landes und der Roten Armee gegenüber. „Ihr schickt nicht Nahrung oder Nachschub, sondern einen von der Sonderabteilung“ lässt er einen Soldaten entrüstet ausrufen, als ein verdienter Mitstreiter wegen eines Flugblattes exekutiert werden soll. Überhaupt konzentriert sich das Geschehen auf die vielen kleinen, vermeintlichen Nebensächlichkeiten im Verbund mit dem großen Ganzen. Und da zählt ein Menschenleben wenig, wenn nur die Einstellung stimmt. So ist „1942“ alles, aber kein Heldenepos.

Bester Kriegsfilm seit langem

Wenngleich der Streifen dennoch den einfachen Rotarmisten ein Denkmal setzt. Sie so zeigt, wie sie waren, einfache Leute, darunter auch Kriminelle, Einpeitscher und Überzeugungstäter, ängstliche Zeitgenossen, jugendliche Draufgänger und großväterliche Allesversteher. Schauspielerisch durchweg natürlich und glaubhaft, dazu eine Umgebung, die einem einen Schauer über den Rücken jagt. Und die Deutschen? Tauchen ganz selten wirklich sichtbar auf und spielen ihm wahrsten Sinne des Wortes nur eine Nebenrolle. Der Film ist direkt und schonungslos, vermag mittels wirklich gelungener Spezialeffekte das Kriegsgeschehen beängstigend realistisch zu transportieren und ist letztlich in seiner Aussage ganz deutlich ein Anti-Kriegsfilm. Wohl einer der besten der vergangenen Jahre.

1942: Ostfront


Genre: Kriegsfilm; FSK: 18 Jahre; Laufzeit: 113 Minuten; Verleih: Capelight; Regie: Igor Kopylov; Sergey Zharkov, Ivan Batarev, Oleg Gayanov; Ru 2020