Kaum neun Jahre alt wird Benedetta Carlini um 1600 von ihrem Vater einem Kloster überantwortet. Als Braut Christi. Darauf hatte die Familie ihr einziges Kind ein Leben lang vorbereitet.
Benedetta wird diesen Auftrag mehr als erfüllen, mit knapp 30 zur Äbtissin des Klosters emporsteigen und schließlich gar Geschichte schreiben. Allerdings nicht als Heilige, sondern eher im Gegenteil: Wegen einer lesbischen Beziehung zu einer anderen Nonne landet sie vor Gericht.

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Bis dahin allerdings vermag sie es, sowohl ihre Glaubensgenossinnen wie auch die nächsthöheren Kichenvorstände davon zu überzeugen, dass sie in einer besonderen Beziehung zu Jesus steht. Regelmäßig treten bei der jungen Frau dessen Wundmale auf, spricht und betet sie mit den anderen Nonnen in seinem Namen, mit seiner Stimme. Ihre Stigmata schließlich verhelfen dem Kloster zur Anerkennung durch Rom.

Liebe unter Nonnen

Der schnelle und mystische Aufstieg zur Vorsteherin des Klosters ruft aber auch Neider und Feinde auf den Plan. Ein neuer Nuntius will all die Vorkommnisse untersuchen und wird fündig. Schwester Bartolomea, die eine Zeit lang mit der Äbtissin eine Zelle geteilt hat, gesteht unter der Folter, dass sie jahrelang von Benedetta umworben und liebkost worden sei, oft, wenn diese eine mystische Verbindung zu ihrem Schutzheiligen eingegangen sei. Als zusätzlicher Beweis wird ein Dildo in Form einer Marien-Statue angeführt.

Frankfurt (Oder)

Marien-Statue als Dildo

Die Geschichte der Benedetta Carlini ist belegt, die Akten zum Fall wurden in den 1980ern nach über 300 Jahren erstmals wieder gesichtet. Es war defacto das einzige Gerichtsverfahren in der katholischen Kirche in den vergangenen 1000 Jahren wegen einer gleichgeschlechtlichen Beziehung von Frauen. Paul Verhoeven macht dies nun zur Grundlage für sein Historien- und Erotik-Drama. Als Meister der Provokation weiß er Wahrheit und Dichtung zu einem Ganzen geschickt zusammen zu führen. Nach Version des Holländers sind die Rollen filmisch etwas anders verteilt. Danach ist Virginie Efira in der Rolle der Benedetta für Mystik und Glaubensfragen zuständig, während Daphne Patakia als Bartolomea sich als die treibende Kraft in Liebesdingen erweist und auch die Marien-Statue „gebrauchsfertig“ schnitzt. Gleichwohl lässt der Regisseur offen, ob die Stigmata und Heimsuchungen Wirklichkeit waren oder die Nonne es nur sehr inbrünstig selbst glaubte und so manchen Vorteil aus ihrem eher tristen Klosterdasein zog, indem sie auch religiös Hand an sich legte.

Lebenslang für gleichgeschlechtliche Liebe

Verhoeven jedenfalls erweist sich einmal mehr als sehr zeigefreudig, sowohl bei der Liebe wie auch den Heimsuchungen. Viel nackte Haut und viel Blut, dazu mitunter fast schon an Besessenheit grenzende Anwandlungen bei der Inbesitznahme der Nonne durch Jesus. Als Atheist hat der Regisseur erst recht keinerlei Berührungsängste, Erotik und Religion miteinander zu vereinen. Dabei lässt er den Mythos Benedetta gleich in mehrfacher Hinsicht fortleben. So sei es ihr zu verdanken, dass Pescia von der Pest verschont geblieben sei. Zudem habe sie nach ihrer Verurteilung weiter in der Stadt leben können. Das stimmt wohl, nur saß sie dabei bis zu ihrem Tode 35 Jahre lang im Gefängnis.

Benedetta

Genre: Erotik/Drama; FSK: 16 Jahre; Laufzeit: 131 Minuten; Verleih: Capelight; Regie: Paul Verhoeven; Virginie Efira, Charlotte Rampling, Daphne Patakia; F/B/NL 2021