Er bespritze das Publikum mit Wasser, warf in Bars auch mal mit Geld um sich, drangsalierte seine Schauspieler und legte ein geradezu manisches Arbeitstempo an den Tag. Rainer Werner Fassbinder war zu Lebzeiten ein Schock für den Kulturbetrieb. Mittlerweile wird er als einer der Großen des deutschen Films verehrt.

Kein verklärter Blick

Heute wäre der Regisseur und Autor 75 Jahre alt, ist aber bereits vor fast 40 Jahren gestorben. Ein kurzes aber umso intensiveres Leben bildet somit die Grundlage für Oskar Roehlers Biopic. In dem arbeitet er die wichtigsten Lebensstationen Fassbinders ab. Los geht’s mit der anarchischen Übernahme einer Inszenierung im „Antiteater“ München und endet im Strudel auch aus Drogenexzessen und Liebschaften.
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Roehler wirft keinen verklärten Blick auf RWF, ganz im Gegenteil. Oliver Masucci in der Hauptrolle wird nicht selten in eher unvorteilhaften Posen ins Licht gerückt. Geradezu klassisch das zu kurze Shirt, das stets über die extra herausgestreckte Plautze rutscht. In eher theaterhaften Kulissen spielt sich das meiste Geschehen ab und wird somit dort platziert, wo sich Fassbinders Arbeitsleben abspielte. Daneben sind es verqualmte Bars, Schwulen-Clubs oder irgendwelche Hinterzimmer, in denen Liebhaber, Alkohol oder Drogen die Hauptrolle spielten.

Klischee und Provokation

Wer Filme von RWF nicht kennt oder mit diesem als Mensch wenig anfangen kann, wird sich an Roehlers Film auch schwertun. Denn als Weggefährte des Filmemachers ist das Biopic wohl ganz in dessen Sinne verwirklicht worden. Der Regisseur setzt bewusst auf Klischees und Provokation. Seine Hauptperson ist kein Sympathieträger, er ist einer, der seinem Ziel, den Film neu zu sehen, alles unterordnet und sich nimmt, was dazu notwendig ist. Masucci lebt seine Rolle dabei bis zum Exzess aus und kommt dem Porträtierten wohl sehr nach. Wahnsinn und Genie gehen hier, teils im übertragenen Sinne, Hand in Hand.

Enfant Terrible


Genre: Drama; FSK: 16 Jahre; Laufzeit: 134 Minuten; Verleih: Weltkino; Regie: Oscar Roehler; Oliver Masucci, Hary Prinz, Katja Riemann; D 2020