Die Lindenbergs werden Klempner. Das scheint in Stein gemeißelt. Gilt aber nicht für Udo. Der entflieht dem Muff seiner westfälischen Heimat und tauscht Gronau gegen Hamburg ein. Hier auf der Reeperbahn verdient er sich als Schlagzeuger seine Brötchen und hofft, dass der Typ von der Teldec ihn eines Tages anspricht.

Als Trommler auf der Reeperbahn

Bis dahin tingelt er durch die Clubs, versucht sein Glück als Soldatenbespaßer für die Amis in Libyen und versucht sich als Kommunarde in der Villa Kunterbunt. Der Erfolg bleibt aus. Selbst, nachdem er nun den A&R der Plattenfirma angesprochen hat. Erst als sich Lindenberg durchsetzt und „Hoch im Norden“ zur B-Seite einer Single macht, kommt der Stein ins Rollen. Und er rollt immer noch...

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Die erste Million ist die schwerste. Das weiß Udo Lindenberg ganz sicher. Wie schwer, kann nun jeder miterleben. Denn Hermine Huntgeburth hat die Jugendjahre des Panik-Rockers in Szene gesetzt. Rück- und Fehlschläge, jede Menge Alkohol, Drogen und noch mehr Alkohol, um dann fast den ersten großen Auftritt sturzbetrunken zu vermasseln. Lehrjahre sind keine Herrenjahre, so die Botschaft, auch für Musiker in den späten 1960ern nicht. Um so weniger, wenn man beschließt, die deutsche Sprache den Nazis und dem Schlager zu entreißen. Lindenberg macht sein Ding, gegen Widerstände und Warnungen. Doch das fing nicht erst in Hamburg an. Rückblenden bis in frühe Kinderjahre zeigen, dass es in Gronau schon nicht einfach war.

Lieder, die das Leben schreibt

Schon wieder ein Biopic über einen Musiker, möchte man meinen, nachdem Queen, Elton John, Springsteen oder Judy Garland in jüngerer Vergangenheit thematisiert worden sind. Huntgeburth geht aber einen anderen Weg. Sie pflastert ihn nicht mit Songs und schon gar nicht mit Hits des Westfalen, sondern wählt bedacht nur insgesamt vier Lieder aus. Und zu dreien von denen erzählt sie sehr sehenswert und teils emotional die Geschichte, die dahinter steckt. Ob „Cello“, „Wir wollen doch einfach nur zusammen sein“ oder „Andrea Doria“ - wie viele weitere Stücke Lindenbergs sind sie entweder Teil seiner unmittelbaren Lebenserfahrung oder der genauen Betrachtung von Umwelt und Verhalten. Der sparsame Einsatz mag vielleicht manchen Fan enttäuschen, öffnet den Film aber gleichzeitig für alle, die sonst eher keinen Bezug zum Künstler haben.

Jan Bülow gibt Udo Lindenberg Gestalt

Dem gibt Jan Bülow beeindruckend Gesicht, Habitus und Stimme. Dazu lässt es die Regisseurin in Sachen Ausstattung ordentlich krachen, bis hin zum im gerade im Bau befindlichen Palast der Republik. Und auch Hamburgs sündiger Meile errichtet sie ein nettes filmisches Denkmal. Wer sich mit dem im Kopf noch einmal „Reeperbahn“ anhört, wird die Sehnsucht Lindenbergs nachvollziehen können.
Sehr unterhaltsam, eine schöne Zeitreise, ein beeindruckender Blick auf eine Epoche im Wandel und nicht zuletzt ein guter Anlass, sich mit Lindenbergs frühem Schaffen noch einmal zu beschäftigen. Wer dies tut, wird erkennen, dass der Musiker durchaus visionäre Eigenschaften besitzt. Doch keine Panik, er ist auch nur ein Mensch, wenngleich der Film ein Stück zur Mystifizierung beitragen könnte.

Lindenberg! Mach dein Ding


Genre: Biopic; FSK: 12 Jahre; 139 Minuten; Verleih: dcm; Regie: Hermine Huntgeburth; Jan Bülow, Jesse Hansen, Julia Jentsch; D 2020