Wow, was für eine Wucht prallt da auf den Zuschauer ein. Was als simple Gewalttat beginnt, entwickelt sich über die knapp zwei Stunden zu einem hochbrisanten und emotional aufgeladenen Geschichtsstück. In der Art bester Gerichtsthriller, wie wir sie eigentlich nur aus Hollywood kennen, inszeniert Marco Kreuzpaintner ein Drama, das in der deutschen Filmlandschaft sicher seinesgleichen sucht. Jüngere Gegenwart, deutsche Nachkriegsgeschichte, die Schuld der Deutschen während des 2. Weltkrieges und familiäre Verbindungen vereinen sich zu einem Ganzen, das trotzt der meist eher gemächlichen Gangart und den vielen Dialogen dennoch über die gesamte Laufzeit an die Handlung fesselt. Gerade der Verzicht auf Effekthascherei verstärkt die entscheidenden Szenen der Handlung, in denen Motive offengelegt und Vermutungen bestätigt werden. Das zerrt nicht nur an den Nerven der Zuschauer, sondern vermag auch emotionale Reaktionen auf die Spitze zu treiben. Und mittendrin Elyas M‘Barek als junger, unerfahrener, aber bemühter und vor allem engagierter Anwalt. Jener Schauspieler, der bisher eher für die unterhaltsame Seite deutschen Kinos stand, everybodies Darling und Liebling der Schwiegermütter, ist der Mann, von dem ganze Ernsthaftigkeit gefordert ist. M‘Barek meistert diese Anforderung mit Bravour, überzeugt in seiner Unbekümmertheit ebenso wie er zielstrebig und unerschrocken ist. Aber auch der innere Zwiespalt, das Ansehen jener Person zu zerstören, die sich einst so liebevoll um ihn gekümmert hat, lässt er nach außen durchblicken. Er verkörpert diese Rolle mit einer Authentizität, die ihm wohl künftig ein deutlich breiteres Aufgabenspektrum ermöglichen sollte. Neben all den Aktiven darf man aber Franco Nero nicht vergessen. Er ist Fabrizio Collini, der mit versteinerter Mine dem Prozess folgt. Im ganzen Film sagt der Italiener kein Dutzend Sätze und dennoch spricht sein Gesichtsausdruck Bände.
Genre: Drama; FSK: 12 Jahre; Laufzeit: 123 Minuten; Verleih: Constantin; Regie: Marco Kreuzpaintner; Elyas M’Barek, Alexandra Maria Lara, Heiner Lauterbach; D 2019