Eine Video von kurz nach der Jahrtausendwende. Die Knirpse sagen in die Kamera, was sie einmal werden wollen. Boxer, Feuerwehrmann oder Schriftsteller nötigt den anderen ein respektvolles Nicken ab. Alex erntet Gelächter. Sagt der Junge doch glatt: Miss France.

Mann fühlt als Frau

Knapp 15 Jahre später scheint aus der Ansage Wirklichkeit zu werden. Denn früh die Eltern und später den Halt verloren, weiß der 24-jährige nicht wirklich, wohin er sich in Sachen Geschlecht orientieren soll. Sieht sich als Mann, fühlt sich als Frau, möchte aber sich nicht entscheiden. Dann hilft der Zufall nach, die Grenzen auszuloten. Innerhalb seiner Wohn-Community spricht Alex das erste Mal aus, was er plant und erfährt, anders als im Kreise seiner Mitschüler, nicht durchweg Ablehnung. Im Gegenteil. Sind doch all seine Mitbewohner selbst nicht gerade in der Mitte der Gesellschaft verankert, müssen sich und ihre Interessen täglich aufs neue durchsetzen. Und so sehen sie im Ansinnen von Alex auch ihre Chance, es allen anderen mal zu beweisen.
Youtube

Youtube

Aus Alex wird Alexandra und den Vorausscheid nimmt die groß gewachsene und gut aussehende junge Dame mit Bravour. Als Miss Ile de France bereitet sie sich aufs große Finale vor und nimmt jede Hilfe in Anspruch, die es gibt, um Frau und standhaft selbstbewusst zu werden. Bis hin zum Unterricht bei einem Box-Champ, der Siegermentalitätvermittelt. Doch egal, wie man/frau sich selbst fühlt, auf einer Bühne, im Badeanzug gar und vor den Kameras gehört mehr als Mut dazu, sein tatsächliches Geschlecht zu verbergen.

Mit nötigem Ernst und Humor

Männlich, weiblich, divers - Ruben Alves drückt seinem Hauptdarsteller keinen Stempel auf. Er überlässt Alex wie auch dem Publikum die Entscheidung. Und dieser Prozess geht über den Abspann hinaus. Dabei versteht der Regisseur seine Darsteller und deren Rollen mitnichten als Kuriosenkabinett oder gar Freakshow zur Unterhaltung der Zuschauer. Mit dem nötigen Ernst, aber auch dem angebrachten Humor und zudem mit jeder Menge good vibes versucht der Film, andere als das darzustellen, was sie ja tatsächlich sind: normal. Und das gelingt über weite Strecken sehr gut.

Schönheit unabhängig vom Geschlecht

Ja, mitunter muss so manches Klischee herhalten, damit es noch plakativer wirken kann. Aber Alves übertreibt es dabei nicht. Zudem unterzieht er natürlich das Format der Miss-Wahl selbst der Kritik, da dieses ja ausschließlich auf die Weiblichkeit der Teilnehmenden abstellt, was durch den Auftritt von Alex*andra natürlich konterkariert wird. Schönheit liegt einmal mehr nicht nur im Auge des Betrachters, sondern ist zudem auch unabhängig vom Geschlecht zu sehen. Zurückhaltend und nie belehrend inszeniert, mit feinem Humor und viel Gefühl ein echtes Feel-Good-Movie mit Tiefgang.

Miss Beautiful

Genre: Drama; FSK: 12 Jahre; Laufzeit: 108 Minuten; Verleih: SquareOne; Regie: Ruben Alves; Alexandre Wetter, Pascale Arbillot, Isabelle Nanty; F/B 2020