Die Aussicht auf eine Professorenstelle ist zu verlockend für Franz Walter. Gerade hat er seinen Doktor an der Berliner Humboldt-Uni gemacht, nun steht schon der Lehrstuhl in Aussicht. Für diese Karriere ist der Mittdreißiger bereit, einiges auf sich zu nehmen.
Und so stimmt er zu, für eine gewisse Zeit in der Hauptabteilung Aufklärung der Staatssicherheit zu arbeiten. Mit dem Schutz des Sozialismus geht er konform. Und als ehemaliger Kicker ist sein Themenfeld Profifußball im Westen auch sehr passend. Zumal seine erste Zielperson - ein geflüchteter DDR-Nationalspieler - für ihn kein Unbekannter ist.

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Mit seinem Kollegen und Vorgesetzten Dirk fährt er das erste Mal in den Westen, um Material über den Geflüchteten zu sammeln. Man bereitet akribisch vor, dessen Umfeld in den Dienst der Stasi zu stellen und so den Abtrünnigen unter Druck setzen zu können. Währenddessen läuft daheim alles bestens. Neue Wohnung, Hochzeit mit der Freundin und ein neuer Bekanntenkreis. Franz ist glücklich wie es scheint, privat wie beruflich.

Bruch mit der Stasi

Doch dann wird von ihm verlangt, die Daumenschrauben anzuziehen. Kollegen und Bekannte des Fußballers sollen mehr in die Mangel genommen werden. Und die Stasi greift noch zu krasseren Mitteln bei dessen Ehefrau, will so die psychologische Karte ausspielen. Am Ende nimmt sich der Mann das Leben. Für Walter der Zeitpunkt, über sein Handeln und die Konsequenzen nachzudenken. Er will aussteigen, am besten selbst in den Westen gehen. Doch ein Überläufer aus den eigenen HVA-Reihen lässt das Vorhaben scheitern. Walter gerät in interne Untersuchungen und findet sich schließlich vor einem geheimen Militärgericht wieder.

Frankfurt (Oder)

Schicksal Dr. Teske

Inspiriert vom Schicksal des Dr. Werner Teske hat Franziska Stünkel dessen Geschichte mit einiger künstlerischer Freiheit in Szene gesetzt. Der Doktorand der Humboldt-Uni war der Letzte, der in der DDR zum Tode verurteilt und auch hingerichtet wurde. Dies geschah seinerzeit nicht nur unter strengster Geheimhaltung bis in die Stasi hinein, sondern auch unter gravierendem Bruch geltenden DDR-Rechts.

Plötzlich Staatsfeind

Lars Eidinger, der dem Wissenschaftler erstaunlich ähnlich sieht, schultert die nicht ganz so leichte Hauptrolle sehr sehenswert. Allerdings kommt der Übergang vom begeisterten Anhänger des Systems, der sich auf seine Professur freut und dafür auch dem Vaterland dienen will, hin zum Staatsfeind etwas plötzlich und unvermittelt. Das ist das Hauptproblem des sonst sehr ergreifenden und in vielen Belangen authentischen Dramas.

Wandlung im Zeitraffer

Während Teske rund sechs Jahre für den Sinneswandel brauchte und dann wohl planlos vorging, erfolgt die Veränderung Walters binnen weniger Film-Monate. Dabei findet eine richtige Auseinandersetzung mit den Gegebenheiten nicht wirklich nachvollziehbar statt. Plötzlich will er nicht mehr und vor allem weg. Im Zuge der dann zeitrafferartigen Darstellung geht es mitunter ziemlich durcheinander in Sachen Darstellung, was nicht nur Fragen aufwirft, sondern ein wenig auch die Glaubwürdigkeit des Ganzen trübt. Warum und wie Walter ins Visier der eigenen Leute geriet? War seine Frau nun IM oder nicht? Dazu noch eine Reihe weiterer Kleinigkeiten, die wahrscheinlich nur jenen auffallen, die die damalige Zeit in der DDR erlebt haben.

Rechtsbruch macht Todesurteil möglich

Das alles freilich ändert nicht an der Tragik des Geschehens. Und vor allem daran, dass der Held am Ende hingerichtet wird, worauf schon der Filmtitel verweist. Der wenig zimperliche Umgang von Diktaturen und Geheimdiensten mit vermeintlichen oder tatsächlichen Verrätern war und ist sicher kein Alleinstellungsmerkmal der DDR gewesen. Hier allerdings kommt noch der klare Rechtsbruch hinzu, der erst das Todesurteil möglich gemacht hat. Denn die höchste Strafe kam nur für den Vollzug der Tat in Frage. Weder Teske noch Walter haben sich dessen schuldig gemacht. Daher war es staatlich verordneter Mord, denn der Nahschuss erfolgte unmittelbar und heimtückisch. Insofern hat der Film einen wichtigen Beitrag zur Aufarbeitung von Geschichte geleistet.

Nahschuss

Genre: Drama; FSK 12 Jahre; Laufzeit: 114 Minuten; Verleih: Alamode; Regie: Franziska Stünkel; Lars Eidinger, Devid Striesow, Luise Heyer; D 2021