In der Mitte des 20. Jahrhunderts wurde die Rassentrennung in den USA noch mit aller Härte des Gesetzes und mit allen Mitteln durchgesetzt. Wer dagegen aufbegehrte wurde schnell zum Staatsfeind. Selbst dann, wenn er wie Billie Holiday längst ein Star war.

Im Visier der Staatsmacht

Deren Protestsong gegen Lynchmorde „Strange Fruit“ rief alsbald die Staatsmacht auf den Plan. Mit Jimmy Fletcher wurde gar ein Bundesagent des FBI auf die Jazz-Ikone angesetzt, ein farbiger dazu. Man wollte es richtig machen und sicher gehen, dass Holiday von der Bühne aus nicht weiter für Unruhe sorgen konnte. Und die Künstlerin gab durchaus Anlass für die Ermittler, sie genauer unter die Lupe zu nehmen. Exzessiver Drogen- und Alkoholmissbrauch, dazu zahlreiche Liebschaften und nicht immer nachprüfbare Finanzen - Fletcher hatte leichtes Spiel.
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Holiday wurde zu einem Jahr Gefängnis verurteilt, was ihrer Popularität keinen Abbruch tat. Im Gegenteil. Nun war ihr auch der FBI-Mann verfallen, wurde gar ihr Geliebter und deckte so auch den Rückfall in alte Abhängigkeiten. Dazu machte Billie, einmal mit dem Gefängnismakel behaftet, keine Anstalten, künftig mit ihrer politischen Meinung hinter dem Berg zu halten. So wurde es für den Leiter der FBI-Drogenbehörde Harry Anslinger zur Obsession, die Künstlerin zur Strecke zu bringen. Die Natur kam ihm zuvor.

Große Künstlerin, schwacher Mensch

Billie Holiday war sicher eine der außergewöhnlichsten wie auch kontroversesten Künstlerinnen des 20. Jahrhunderts. Ihr setzt Lee Daniels ein filmisches Denkmal, ist jedoch weit weg von Heldenverehrung oder gar Verklärung. Im Gegenteil. Die Jazz-Ikone zeigt er als große Sängerin, aber als schwachen Menschen. Selbstbewusst und zielstrebig auf der Bühne. Abhängig und zerbrechlich, selbstsüchtig und nicht immer zuverlässig abseits des Rampenlichts. Auch den Umgang innerhalb des Künstlerkollektivs wie auch der schwarzen Community beschönigt Daniels nicht. Der Ton war rau, die Sitten teils rüde. Angesichts der aktuellen Befindlichkeiten ist so ein ungeschöntes Zeitzeugnis nicht zwingend zu erwarten.

Hervorragend Andra Day

Als Glücksgriff für die Produktion erwies sich Andra Day. Die Soulsängerin kann vor allem mit ihrer Bühnenerfahrung punkten, singt natürlich die Songs selbst, was ungemein zur Atmosphäre beiträgt. Aber auch abseits des musikalischen Teils, dem der Regisseur durchaus viel Platz einräumt, schlägt sich Day in den Drama-Szenen wirklich gut. Immerhin erhielt sie für ihre Rolle den Golden Globe und durfte sich über eine Oscar-Nominierung freuen. Die Setdesigner haben dazu hervorragende Arbeit geleistet. Die Zeitreise zurück in die Jahre 1947 bis 1957, in denen die Handlung hauptsächlich angesiedelt ist, wirkt nahezu perfekt.

The United States vs. Billie Holiday


Genre: Drama/Biopic; FSK: 16 Jahre; Laufzeit: 126 Minuten; Verleih: Capelight; Regie: Lee Daniels; Andra Day, Garrett Hedlund, Trevante Rhodes; USA 2021