Daniel ist 20 und glaubt an Gott. So sehr, dass er gern Priester werden würden. Doch der junge Mann ist vorbestraft, kommt gerade aus dem Knast. Damit sei ihm der Weg als geistlicher Würdenträger für immer versagt, lässt ihn der Anstaltspfarrer wissen. Fast wie eine Vorsehung ergibt sich da plötzlich die Chance, den Traum von der Kanzel doch Wirklichkeit werden zu lassen.

Vom Knast auf die Kanzel

Denn auf dem Weg zum neuen Job landet der Entlassene in einer kleinen Stadt. Hier steht ein Sägewerk, in dem ehemalige Gefangene beschäftigt werden. Daniel will nicht sofort als zu dieser Gruppe zugehörig erkannt werden und flunkert beim ersten Kontakt mit einer jungen Frau. Er tut so, als sei er Geistlicher, hat zufällig ein Collarhemd dabei. Ihm wird geglaubt, auch beim örtlichen Pfarrer. Und da der wegen eines Alkoholproblems für einige Wochen in den Entzug muss, soll Pater Daniel ihn vertreten.
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Der nimmt fortan die Beichte ab, was Dank eines Online-Ratgebers gut funktioniert. Und auch bei der Messe schlägt sich Daniel hervorrgend, macht, was er bei den Gottesdiensten im Gefängnis erlebt hat und lässt auch sonst seiner Phantasie freien Lauf. Das kommt an bei den Gläubigen, denen die frische Art des neuen Pfarrers gefällt. Allerdings lastet ein schweres Unglück auf der Gemeinde. Auch hier versucht der Pater in seiner unkonventionellen Art zu vermitteln und stößt dabei an seine Grenzen. Zu viele neue Wege will man dann doch nicht gehen. Und schon gar nicht, wenn dadurch Vorurteile in Frage gestellt werden und damit auch Schuldzuweisungen.

Eher Sünder, denn Heiliger

„Corpus Christi“ war 2020 als bester nicht englischsprachiger Film für den Oscar nominiert und hat in seiner Heimat Polen fast ein Dutzend Preise abgeräumt. Wohl auch, weil der Film die zunehmende Verquickung von Staat und Kirche im Land thematisiert, gleichzeitig mit gängigen Klischees aber bricht. Hinzu kommt, dass Jan Komasa seinen Helden mitnichten als Heiligen inszeniert, sondern eher als sympathischen Hochstapler im Namen des Herrn. Bartosz Bielenia spielt diesen mit solch einer Glaubwürdigkeit, dass es schwerfällt zu erleben, wie schlussendlich sein Traum in Gefahr gerät, zu scheitern. Daniel ist in erster Linie ein Sünder, der nicht nur ins Gefängnis kam, sondern auch danach mitnichten immer auf dem Pfad der Tugend wandelte.

Erst Mensch, dann Pfarrer

Wer möchte, kann hier gern ein neues Kirchenbild oder das eines Geistlichen hineininterpretieren. Komasa jedenfalls schließt es nicht aus. Für ihn steht nicht das Amt des Pfarrers im Mittelpunkt, sondern der Mensch als Vermittler, als Ansprechperson, als einer, der einen Weg vorzugeben vermag. All dies ohne Weihe oder Ausbildung, einfach dem Herzen und dem Verstand folgend. Dass dies die institutionelle Kirche Polens nur ungern sieht, scheint naheliegend. Und so geht die Geschichte natürlich nicht gut aus im Sinne von Daniel. Der befreit sich aber trotzdem von alten Zwängen, was einer Erlösung gleichkommt.

Corpus Christi


Genre: Drama; FSK: 16 Jahre; Laufzeit: 115 Minuten; Verleih: Arsenal Filmverleih; Regie: Jan Komasa; Bartosz Bielenia, Aleksandra Konieczna, Eliza Rycembel; PL 2019