Es könnte kaum besser laufen für Rob Bilott. Gerade ist der Wirtschaftsanwalt zum Partner in seiner Kanzlei ernannt worden. Die vertritt Chemie-Riesen wie beispielsweise DuPont. Fast zeitgleich kontaktiert ihn ein Farmer aus dem Ort, in dem Billots Oma wohnt, weil dessen Kühe reihenweise wegsterben. Der Mann hegt den Verdacht, dass eine Deponie neben seinem Grundstück das Grundwasser vergiftet. Betreiber der Anlage - DuPont.

Der Teflon-Skandal

Erst will sich Rob schon aus Konfliktgründen nicht mit der Sache beschäftigen, schaut aber dennoch in in Parkersburg, West Virginia, vorbei. Was er dort sieht, verschlägt ihm den Atem. Er holt seinen Boss Tom Terp mit ins Boot und macht sich an die Arbeit, Beweise zu sichern. Die rüden Reaktionen der DuPont-Oberen, die die Kanzlei eigentlich fast zu ihren Freunden zählt, lassen Bilott erahnen, dass er auf dem richtigen Weg ist.
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Und tatsächlich, er findet in den Unterlagen eine Abkürzung, die intern für die Teflon-Produktion genutzt wird, einer Anti-Haft-Beschichtung, die von DuPont erfunden wurde. Jenes C8 taucht auch in Untersuchungsberichten auf, die belegen, dass der Kontakt mit der chemischen Substanz nicht nur krebserregend ist, sondern auch zu schweren Missbildungen führt. Mehr als zehn Jahre kämpft Rob Bilott für seine Mandanten vor Gericht, erstreitet Strafen und Abfindungen in Höhe von mehreren hundert Millionen Dollar und muss dennoch erleben, dass der Chemie-Gigant ein vielfaches davon verdient, indem er Mittel und Wege findet, das Antihaft-Wundermittel einfach weiter auf Produkten an den Verbraucher zu bringen.

Profit vor Gesundheit

Ob dem Zuschauer nach „Vergiftete Wahrheit“ noch das Spiegelei schmeckt? Kaum. Denn Todd Haynes lässt in seinem auf wahren Tatsachen beruhenden Gerichts-Krimi keine Zweifel daran aufkommen, dass Teflon giftig für Lebewesen ist und dennoch durch Umgehung oder Aufweichung von Bestimmungen und Konzentrationsbeschränkungen weiter im Handel ist. Der Film dokumentiert einmal wieder auf erschreckende Weise, wie die Aussicht auf Profit jegliche Rücksicht auf Gesundheit und Unversehrtheit in den Hintergrund treten lässt.

Kein zweites „Erin Brockovich“

Der große Unterschied zu „Erin Brockovich“, in dem es vor 20 Jahren ja auch um verseuchtes Trinkwasser ging, ist, dass die Geschichte weder weit weg, noch lange her ist. Niemand kann sich wirklich sicher sein, dass Teflon für ihn ungefährlich ist. Denn Haynes zeigt ebenso, wie sich die Chemieindustrie selbst verwaltet, also selbst jene Grenzwerte festlegt, die später einmal Grundlage für Verfahren vor Gericht sein können.

Mark Ruffalo leidensfähig

Ein deutlich in die Jahre gekommener Mark Ruffalo übernimmt hier die Rolle des engagierten Anwalts. Und als dieser baut er im Laufe des Geschehens weiter körperlich ab. Es bereitet fast echte Schmerzen, zuzusehen, wie die Last, die Unsicherheit und auch die Bedrohung an der Gesundheit und dem Nervenkostüm von Bilott zehren. Obwohl er Regisseur kaum aus der eher gemächlichen Gangart einer Gerichtsreportage herauskommt, ist keine der über 120 Minuten langweilig. Das ist ganz großes Kino. Gleichwohl, es bleiben Fragen offen. Nicht einmal ansatzweise wird vermittelt, wie Anwalt und Kanzlei über eine Dekade hinweg solch ein Mammut-Verfahren stemmen konnten, ohne Bankrott zu gehen. Hier wäre ein wenig mehr Transparenz das Sahnehäubchen der Inszenierung gewesen.

Vergiftete Wahrheit


Genre: Drama; FSK: 12 Jahre; Laufzeit: 126 Minuten; Verleih: Tobis; Regie: Todd Haynes; Mark Ruffalo, Anne Hathaway, Tim Robbins; USA 2019