Erst die Gebote der Bibel, dann die Befehle ihres Mannes - für Fanny Lye sind die Normen des Alltags ganz klar strukturiert. Das Leben der guten Frau und Mutter gerät vollkommen aus den Fugen, als ein Pärchen auf der Farm auftaucht. Vollkommen nackt.

Preis der Nächstenliebe

Auf dem Weg in die neue Welt von Dieben buchstäblich ums letzte Hemd gebracht, begründen der junge Mann und die Frau ihre Situation. Und weil es ein Gebot der Nächstenliebe ist, wird den Fremden ein Platz bei Tisch und ein Lager für die Nacht geboten. Hausherr Captain John Lye, der einst an der Seite Cromwells kämpfte, hat zwar eine böse Vorahnung, doch die christlichen Werte obsiegen über jeglichen Verdacht.
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Der holt die Familie am nächsten Tag ein. Denn als der Sheriff mit zwei Gefährten auftaucht und nach den Fremden fragt, nehmen diese Sohn Arthur als Geisel und bedrohen das Kind mit dem Tode, falls der Vater etwas sagt. Von da an ist nichts mehr, wie es war. Es ist der Beginn eines Dramas, das seine vollkommen eigenen Dynamik entwickelt und an dessen Ende Fanny den Hof verlassen wird. Bibel und Gatte werden nicht mehr die Rolle spielen. Für den höchsten Preis, den eine Mutter zahlen kann, ist die Frau dann von allem befreit und wird im Quäkertum eine neue Erfüllung finden.

Ein Gesamkunstwerk

Thomas Clay, der sowohl Drehbuch wie auch Regie verantwortet, hat hier ein Gesamtkunstwerk geschaffen. Mit sieben Rollen ist der Cast mehr als überschaubar und auch räumlich bewegt sich die Handlung bis auf ganz wenige Ausnahmen nicht aus dem Gebiet des kleinen Hofes hinaus. Das alles hätte auch auf eine Theaterbühne gepasst. Entsprechend sorgfältig wurde das Setdesign in Szene gesetzt. Stets wabert von irgendwo Nebel her und kündigt den nahenden Winter an. Scheune und Haus sind historisch korrekt mehr als spartanisch ausgestattet.

Geduld und Willen gefragt

Ein freudiges Leben kann hier unmöglich Alltag gewesen sein. So wird ein größtmöglicher Kontrast zu jenem aufgebaut, was die Fremden an Einstellung mitbringen. Und mit Hilfe des Sheriffs zerstört Clay zugleich das Lebensbild, dem die Familie bisher nachhing. Dabei lässt es der Regisseur über einen Großteil der Laufzeit mehr als ruhig angehen. Geradezu gemächlich im Tempo der damaligen Zeit plätschert die Handlung dem Höhepunkt entgegen, der sich dann allerdings explosionsartig entlädt. Kulisse und Machart sind alles andere als effekthaschend, was dem Publikum Geduld und auch Willen abverlangt, sich mit dem Thema zu beschäftigen. Wer derart an den Film geht, wird ihn als Kunstwerk sehen und verstehen. Allen anderen dürfte diese Erkenntnis jedoch verwehrt bleiben.

Die Erlösung der Fanny Lye


Genre: Drama; FSK: 18 Jahre; Laufzeit: 112 Minuten; Verleih: Alamode; Regie: Thomas Clay; Maxine Peake, Charles Dance, Freddie Fox; GB/D 2019