Ein Buch kann Leben retten. Diese Erfahrung macht Gilles. Denn als die SS den jungen Juden erschießen will, behauptet der, ein Perser zu sein. Und zum Beweis zieht er tatsächlich ein persisches Buch aus der Tasche, das er kurz zuvor gegen einen Kanten Brot eingetauscht hat.

Fantasie-Sprache für den SS-Schergen

Dass Glück des Belgiers ist freilich, dass der verantwortliche Küchenchef aktiv nach einem Mann aus dem nahen Osten sucht. Denn Klaus Koch möchte nach dem Endsieg in Teheran ein Restaurant eröffnen. Darauf will sich der SS-Mann gut vorbereiten und die Zeit während des Krieges nutzen, die Sprache zu lernen. Das wiederum stellt Gilles natürlich vor ein großes Problem, denn von Farsi hat er keine Ahnung. Doch wenn sein Schwindel auffliegt, ist er so gut wie tot.
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Der Überlebenswillen macht den jungen Mann erfinderisch, Kochs Lerneifer lässt aber auch keine Wahl. Schließlich schweben ihm gut 2000 Wörter im Jahr vor. Und die muss Gilles nicht einfach nur erfinden, sondern sich auch merken können. Dabei kann jeder Fehler das Ende bedeuten. So greift der Jude zu einem Trick und baut die Phantasie-Sprache aus den Namen seiner Mitgefangenen zusammen.

Den Ermordeten einen Namen

Der Film von Vadim Perelman basiert tatsächlich auf wahren Begebenheiten in einem deutschen KZ. Wo genau lässt der Film offen, allerdings sind die Insassen meist west- und südeuropäische Juden. Das wird am Ende sichtbar, als der befreite Gilles den Alliierten aus dem Kopf über 2800 Namen von Ermordeten nennt. Dies ist zugleich der dramatische Höhepunkt des Geschehens, weil jeder Einzelne von ihnen aus der anonymen Masse herausgenommen wird.

Bizarre Männerfreundschaft

Bis dahin hält Perelman mit erstaunlicher fast schon Leichtigkeit die Balance zwischen Unsagbaren und dem, was man darstellen muss. Das Opfer erhebt er moralisch über die Täter, indem der Gefangene der Lehrer des Aufsehers wird. Daraus entwickelt sich gar so etwas wie eine bizarre Männerfreundschaft, die jedoch nie auf Augenhöhe stattfindet. Immer mal wieder holt der Film den Zuschauer auf brutale Art auf den Boden der Tatsachen zurück. Zugleich zeigt das kammerspielartige Geschehen die Perfidität der Mordmaschine, die in allen Lebenslagen funktioniert und innerhalb dieser die Mörder ein ganz normales Leben leben.

Erschreckend realistisches Spiel

Nahuel Pérez Biscayart und Lars Eidinger in den Hauptrollen sind umwerfend. Mit jeder Ader spielen sie ihren Part teils erschreckend realistisch. Aber auch der andere Cast überzeugt in Sachen Glaubwürdigkeit. Nach zwei Stunden kann sich der Zuschauer sicher sein, einem wichtigen und einem außergewöhnlich beeindruckenden Film beigewohnt zu haben.

Persischstunden


Genre: Drama; FSK: 12 Jahre; Laufzeit: 127 Minuten; Verleih: Alamode; Regie: Vadim Perelman; Nahuel Pérez Biscayart, Lars Eidinger, Jonas Nay; D/Ru 2020