Die Lyons sind eine britische Familie, die so ungefähr den Querschnitt der Gesellschaft repräsentiert. Verteilt über das Stadtgebiet von Manchester, aber auch in London und sogar irgendwo in der Welt sind die Mitglieder zu Hause. Insgesamt geht es ihnen nicht schlecht und sie nehmen aktiv am sozialen Leben, auch in den Netzwerken teil. Mit dieser Ausgangssituation schafft Russell T. Davies die größtmögliche Basis, mit der sich das Publikum mit seiner Mini-Serie identifizieren kann.

Trump gewinnt Wahl, Angela Merkel stirbt

Wir beginnen im hier und heute. Dann schaltet Davies allerdings den Turbo ein. Und die nächsten fünfzehn Jahre oder fünfeinhalb Folgen rast das Publikum gemeinsam mit den Lyons durch eine sich verändernde Weltgeschichte, die einem den Atem verschlägt. Nicht etwa, weil der Serienerfinder seiner Fantasie freien Lauf lässt, sondern weil er auf Grundlage der allseits bekannten Ausgangssituation ein Zukunftsszenario entwickelt, dass so realistisch und zugleich beängstigend ist.

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Es beginnt mit der Wiederwahl von Donald Trump, führt über den Tod von Angela Merkel hin zum ersten richtig großen Aufreger: Russland besetzt die Ukraine, danach fallen Atombomben auf China. In dieser Größenordnung geht es weiter und die Lyons mittendrin. In Großbritannien strebt mit Vivienne Rock eine waschechte Populistin an die Macht, die, nachdem sie niemand als Premierministerin nominieren wollte, einfach ihre eigene Partei gründet.

Transhuman statt transsexuell

Neben den immer und jederzeit für möglich gehaltenen Zukunftsvisionen verarbeitet Davis aber auch ein stückweit Science Fiction. Während sich rein äußerlich etwa bei Autos oder Smartphones wenig ändert, gibt es dennoch allerlei technischen Schnickschnack, der ins Leben eingreift. Und so entscheidet sich eine der Töchter, transhuman zu werden. Das ist nicht etwa eine Spielart von transsexuell, sondern stellt den Übergang vom realen Leben eines Menschen zum digitalen dar. Das Gehirn wird gescannt und lebt so ewig fort.
„Years & Years“ erfindet kein Szenario. Die Serie zeigt nur alle möglichen Entwicklungen auf, die man sich - Stand 2019 - für die Gesellschaft und die Weltengemeinschaft vorstellen könnte. Russell T. Davies hat die Idee 20 Jahre mit sich herumgetragen. Es war also genügend Gelegenheit, die Entwicklung von Vorgängen über den in der Serie veranschlagten Zeitraum zu beobachten. Insofern sind seine Visionen weit weg von Phantasterei, gleichwohl er sich immer nah am worst case entlang bewegt.

Reale Visionen der Welt von morgen

Der relativ große Cast der Familie steht dabei zwangsläufig im Mittelpunkt, ebenso wie das Lebensumfeld. Insofern orientiert sich das Setting mehr an einer Sitcom denn an einem Filmset. Der Wechsel der Locations erfolgt dabei ansatzlos, so dass man erst mit der Zeit mitbekommt, dass die einzelnen Familienmitglieder nicht zwingend am gleichen Ort sind, obwohl sie miteinander kommunizieren.
Wie nicht anders zu erwarten, bietet die Serie inhaltlich reichlich Diskussions- wie auch Spekulationsstoff. Je mehr die dargestellten Ereignisse Wirklichkeit werden sollten, desto interessanter könnten die Visionen Davies’ werden. Den ersten Realistätstest gibt es in knapp einem Monat mit den US-Präsidentschaftswahlen...

Years & Years


Genre: Drama; FSK: 12 Jahre; Laufzeit: 360 Minuten; Verleih: studiocanal; Russell T. Davies; Rory Kinnear, T'Nia Miller, Anne Reid; GB 2019