Anfangs scheint die Aufgabe klar. CIA-Agent Tenet soll die Welt retten. Was sonst? Der Schlüssel zum Erfolg ist ein russischer Oligarch. An den will er über dessen Frau kommen. Einfach! Allerdings, der Russe geht nicht mit der Zeit. Er ist ihr voraus.

Einmal Zukunft und zurück

Die Erkenntnis darüber ist schwer zu verstehen für Tenet. Denn es gibt Dinge, die kommen aus der Zukunft in die aktuelle Zeit zurück, laufen also rückwärts, was aus der Sicht der Dinge aber vorwärts ist. Inversion nennen das die Fachleute. Der Agent kann das anhand von Waffen erkunden, bei denen die Projektile in den Lauf zurückkehren, statt diesen zu verlassen. Wer dazwischen steht, stirbt. Das allerdings ist der leichte Teil der Aufgabe. Denn Tenet muss des Russen habhaft werden, ohne diesen zu töten. Denn dann würde der in der Zukunft sterben und mit ihm die Welt untergehen.

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„Versuchen Sie nicht, es zu verstehen“, sagt eine der Wissenschaftlerinnen ziemlich am Anfang der dann doch spektakulären zweieinhalb Stunden zu Tenet. Dies könnte der Leitsatz für das gesamte neue Werk von Christopher Nolan sein. Wer mit „Heute ist Morgen schon Gestern“ Probleme hat, wird sich anstrengen müssen. Denn Nolan gibt bei seiner Inszenierung richtig Gas. Vor allem am Anfang geht es actionseitig ordentlich zur Sache. Da können noch alle gut folgen. Später dann kommt immer mehr die Zeitkomponente ins Spiel, die immer wieder als Zange beschrieben wird. Während die eine Seite sich also in der Zeit vorwärts bewegt, geht die andere Seite rückwärts. Irgendwann überschneiden sich die Handlungsstränge dann.

Action vorwärts und rückwärts

Das ist der Kniff, den Nolan anwendet. Er erzählt die Geschichte nicht aus unterschiedlichen Blickwinkeln wie viele seine Kollegen, sondern rein aus unterschiedlichen Zeitbezügen heraus. Sprich, zum Ende hin doppelt sich vieles, allerdings erleben wir es dann aus dem Vorwärts- bzw. Rückwärtsgang heraus. Das wirkt verwirrend, weil die meisten wohl nicht zu Beginn besonders auf die Abläufe achten. Gerade beim Showdown, wenn es ohnehin mitunter unübersichtlich wird, hat die Masse des Publikums die Übersicht verloren haben. Vielleicht war der Regisseur hier etwas zu ambitioniert. Kurzum, wer „Tenet“ wirklich verstehen will, muss wohl ein zweites Mal ran.

Ein echter Blockbuster

Bildlich und technisch gesehen ist dies sicherlich kein Problem. Denn der Action-Thriller ist eine echte Blockbuster-Produktion. Schon in der normalen Vorwärtsbewegung sind die Effekte phänomenal, wenn sie dann auch in verschiedenen Zeitebenen laufen - etwa bei einer Verfolgungsjagd, bei der eine Auto normal, das andere zeitlich gesehen rückwärts fährt - wird’s ganz verrückt. Das ist sprichwörtlich ganz großes Kino. In das passen John David Washington und Robert Pattinson als Partner von Tenet perfekt hinein. Ihr Spiel ein wenig bondlike, leicht snobistisch, abgeklärt und cool.

Intelligenteste Film in 2020

Mit „Tenet“ hat sich Nolan selbst übertroffen. Gleichwohl besteht die Gefahr, dass nicht viele und nicht von Anfang an diesen wohl intelligentesten Film des Jahres wirklich genießen werden. Wer sich auf die Story einlässt, sollte sich Zeit und Muße nehmen und aufmerksam bei der Sache sein. Je mehr, desto größer wird das Vergnügen.

Tenet


Genre: Thriller; FSK: 12 Jahre; Laufzeit: 150 Minuten; Verleih: WHV; Regie: Christopher Nolan; John David Washington, Robert Pattinson, Elizabeth Debicki; USA 2020