Als im südenglischen Salisbury zwei Menschen vor einem Einkaufszentrum ohnmächtig werden, ahnt noch niemand, welche Dimensionen dieses Ereignis annehmen wird. Nicht nur, dass sich für lange Zeit das Leben in der Stadt veränderte, die Geschehnisse schlugen auch global Wellen.

Stadt im Ausnahmezustand

Einerseits, weil der ältere Mann und die jüngere Frau russische Exilanten waren. Nicht irgendwelche. Denn Sergej Skripal hatte als Doppelagent schon einmal für Schlagzeilen gesorgt, nachdem er bei einem Gefangenenaustausch aus einem russischen Gefängnis nach England freikam. Als dann feststand, dass er und seine Tochter mit dem Nervengift Nowitschok in Berührung gekommen waren, führte eine untrügliche Spur nach Moskau, in den Kreml, direkt zum Schreibtisch von Russlands Präsidenten Putin.
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Doch nicht nur der Umstand allein, dass man offensichtlich versuchte, unliebsame Abtrünnige zu töten, rief heftige Reaktionen hervor. Da das Gift in kleinsten Mengen bereits für viele Menschen gefährlich werden konnte, wurde die Stadt in einen Ausnahmezustand versetzt, begann in Salisbury eine Puzzle-Arbeit, zu ergründen, wo der Erstkontakt der Skripals stattfand und wo diese Nowitschok weiter verbreitet haben könnten. Und dann schließlich, wer es aufgenommen und wiederum verteilt hatte. Diese Art der Kontaktverfolgung kennt man mittlerweile aus der Corona-Pandemie bestens, seinerzeit, vor gut drei Jahren, war das ein deutlich weniger alltägliches Prozedere.

Spannender Mehrteiler

Obwohl die Fakten und wie die Geschichte grob ausging, allseits bekannt sind, gelingt es Saul Dibb durchaus mit seinem Mehrteiler, Spannung zu erzeugen. Die Handlung konzentriet sich dabei vor allem auf zwei Personen, die außerhalb des engsten Kreises nicht so im Focus standen. Da wäre die Chefin des örtlichen Gesundheitsamtes Tracy Daszkiewicz. Rein theoretisch waren der natürlich die Abläufe in solch einem Katastropehnfall klar. Doch die Praxis bringt eben immer neue Stolpersteine mit. Bis dahin, dass man von London aus versuchte, sich in ihre Arbeit einzumischen.

Persönliche Komponente solcher Ereignisse

Detective Sergeant Nick Bailey ist die zweite Hauptperson. Der Polizist hatte sich selbst im Skripal-Haus konterminiert, was schlussendlich aber die Ermittler auf die Spur brachte, wo das Gift für den Anschlag aufgetragen wurde. An der Person Baileys macht Dibb fest, wie das Gift auf den menschlichen Organismus wirkt. Beide, Daszkiewicz und Bailey, bringen die persönliche Komponente ins Spiel, auch die Emotionen, wie solch Ereignisse auf Beteiligte und Unbeteiligte wirken. Ohne Corona hätte die Handlung sicher zudem einen gewissen Gruselfaktor auf das Publikum auswirken können. Doch mittlerweile sind wir an Atemmasken und Schutzanzüge gewohnt, die im Film und seinerzeit vor Ort, der Bevölkerung noch zusätzlich Unbehagen bereitet haben.

Dokumentarische Züge

Der Mehrteiler ist einspannendes Stück Polit-Krimi, gewissermaßen auch ein Katastrophen-Drama und natürlich ein Zeitdokument. Denn auch, wenn es im Handlungsaufbau nicht sonderlich auffällt, trägt der Film dokumentarische Züge. Sicher wäre der Plot auch straffer in einem Teil zu erzählen gewesen, es machen sich dennoch keine nennenswerten Längen bemerkbar.

Der Giftanschlag von Salisbury

Genre: Krimi; FSK: 12 Jahre; Laufzeit: 181 Minuten; Verleih: Leonine; Saul Dibb; Rafe Spall, Anne-Marie Duff, MyAnna Buring; GB 2020