Als Psychologin hat sich Nicoline ein ziemlich dickes Fell zugelegt. Sie vermag Situationen schnell zu analysieren und hinter die Fassade von Menschen und deren Auftreten zu schauen. Ausgerechnet ein Sexualstraftäter bringt sie nun aber an ihre Grenzen, sowohl psychisch wie auch emotional.

Psychisch-emotionale Grenzerfahrung

Dabei ist die Akte von Idris mehr als eindeutig. Der Mann hat sich schwer an seinem Opfer vergangen, ihm dazu erhebliche Verletzungen zugefügt. Seit fünf Jahren sitzt er nun ein und Nicoline soll mit darüber befinden, ob dem Täter eine erste Hafterleichterung zugebilligt wird. Die Kollegen in der Einrichtung sind dafür. Schließlich tritt Idris höflich, zurückhaltend und nie aggressiv auf. Doch schon beim ersten Zusammentreffen mit der Psychologin entwickelt sich eine besondere Atmosphäre zwischen beiden. Der Gefangene wirkt als Mann auf die Angestellte als Frau. Und die kann sich offenbar dem nicht entziehen.
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Wie zum Selbstschutz tritt Nicoline um so energischer dafür ein, dass ein möglicher Ausgang nicht gewährt wird. Idris zeige nicht sein wahres Gesicht, so die Begründung. Dennoch wird dem Antrag schlussendlich stattgegeben. Die Psychologin hat kein gutes Gefühl. Und ihre Vorahnung wird auch nicht getrogen - allerdings in anderer Form als erwartet.

Animalische Ausstrahlung zieht an

Mit „Black Book“ ist Carice van Houten vor vielen Jahren berühmt geworden, allerdings vor allem als Eyecatcher. Hier nun gibt sie sich hoch zugeknöpft, punktet dafür aber in schauspielerischer Hinsicht. Ihre Nicoline ist ein gespaltenes Wesen. Einerseits die erfahrene Psychologin, die zudem eine Gefahr wittert. Dann die Frau, Single, die sich von dem durchaus attraktiven Mann angezogen fühlt. Um so mehr von seiner animalischen Ausstrahlung auch in Bezug auf seine Tat. Diesen Widerspruch kann sie nicht auflösen und läuft ins offene Messer. van Houten macht dabei stets einen zweifelnden, ja gequälten Eindruck, was die Stimmungslage ziemlich treffsicher widerspiegeln dürfte.

Carice van Houten stark

Halina Reijn verarbeitet die Situation in ihrer ersten großen Arbeit als Regisseurin durchaus sehenswert. Freilich, van Houten zieht und macht die Sache spannend. Wer aber ein wenig psychologische Neigung mitbringt, dürfte die Geschichte als sehr ordentlich inszeniert empfinden. Zudem verzichtet Reijn auf alles, was man/frau auch nur ansatzweise als voyeuristisch empfinden würde. Am Ende vielleicht kein Film für die breite Masse, aber fürs Zielpublikum durchaus interessant.

Instinct


Genre: Drama; FSK: 16 Jahre; Laufzeit: 98 Minuten; Verleih: Koch; Regie: Halina Reijn; Carice van Houten, Marwan Kenzari, Pieter Embrech; NL 2019