New York 1977. Eine Hitzewelle ungekannten Ausmaßes treibt die Leute auf die Straße, die Angst vor einem Serienkiller scheucht sie wieder zurück in ihre Wohnungen. Hier verbringt June Leigh bereits Wochen allein, macht keinen Schritt mehr vor die Tür. Sie leidet an Agoraphobie, hat Angst vor Straßen, Plätzen, Menschen. Und sie wird von einer Schreibblockade auch beruflich ausgebremst. Einzige Kontaktperson ist ein junger Schwarzer. Freddie arbeitet als Bote für den Deli.

Wenn der Unbekannte klingelt

Das Essen wird geliefert, der Müll per Seilzug nach unten entsorgt. Die Verlegerin drängelt, hat doch die junge Frau bereits einen satten Vorschuss kassiert. Sie muss etwas abgeben oder das Geld zurückzahlen. Die Situation wird immer unerträglicher. Zudem klingelt immer wieder jemand an der Tür, ohne sich zu erkennen zu geben. Nun hat June auch Angst in der eigenen Wohnung.
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Die Gesamtsituation steuert auf einen Höhepunkt zu, der mit dem Blackout tatsächlich auch erreicht wird. Ein Mob zieht randalierend und plündernd durch die Straßen, es brennt an jeder Ecke und Leigh glaubt zu sehen, wie Freddie niedergeschlagen wird. Sie muss ihm helfen, die sichere Wohnung verlassen und im Augenblick des größten Chaos’ auf die Straße gehen.

Kammerstück mit Naomi Watts

Alistair Banks Griffin, der auch das Drehbuch geschrieben hat, nimmt die dramatischen Umstände vor und am 13. Juli 1977 zum Anlass, dieses psychologische Kammerstück zu inszenieren. Bis auf wenige Ausnahmen ist es Naomi Watts, die die mehr als eineinhalb Stunden zu stemmen hat. Viel Leinwandzeit für eine Person. Und dennoch ist der Zuschauer am Ende nicht viel schlauer in Bezug auf June Leigh. Weder, woher ihre psychotischen Ängste stammen, noch wie sie einst zu Ruhm kam, wird wirklich erklärt. Selbst der mysteriöse Klingler bleibt am Ende nur Mittel zum Zweck, Hauptperson und Zuschauer zu nerven.

Glaubhaft von Angst bis Hitze

Während es inhaltlich also durchaus Defizite gibt, muss man dem Regisseur dennoch das Kompliment machen, stimmungsseitig auf dem richtigen Weg gewesen zu sein. Die Hitze, die unerträgliche Enge, die Angst und Ausweglosigkeit - all dies kommt sogar mit den relativ einfach verwendeten Mittel gut rüber. Und auch, wenn Watts in manchen Situationen eher blass bleibt, die Angstschiene nimmt man ihrer June ab. Wer also einen Nerv für psychologische Themen hat, ist hier genau richtig und darf mit Naomi/June leiden. Alle anderen lernen zumindest, dass Rekord-Hitze durchaus keine Erfindung der Neuzeit ist, sondern immer wieder in der Menschheitsgeschichte vorkommt.

Stunde der Angst


Genre: Drama; FSK: 12 Jahre; Laufzeit: 99 Minuten; Verleih: Koch; Regie: Alistair Banks Griffin; Naomi Watts, Jennifer Ehle, Emory Cohen; USA 2019