Als Adlige aus einem eher unbedeutenden Haus wird Sophie Auguste Friederike von Anhalt-Zerbst zu Katharina, der Frau an der Seite des russischen Zaren Peter III. Schon bald zeigt sich, dass die deutsche Prinzessin sich nicht mit der Rolle als Nachwuchslieferantin am russischen Hofe und den vielen Mätressen ihres Gatten abgeben wird.

Getrennt von Bett und Tisch

Der Gatte ein erwachsenes Kind, dem alle Begehrlichkeiten außer den leiblichen fremd sind und der das Riesenreich nach Tageslaune regiert. Der Hof eine Ansammlung von Schranzen, die die Deutsche jederzeit spüren lassen, wie fremd sie hier nicht nur kulturell ist. Aus dieser Gemengelage heraus, auch von den Rachegelüsten ihrer Zofe getrieben und um der Liebe zu Leo wegen, den ihr der Gatte höchstselbst ins Bett gelegt hat, lässt sich Katharina darauf ein, den Sturz des Zaren in Angriff zu nehmen. Ausgerechnet dessen engster Berater gehört zum Team der jungen Frau und selbst der beste Freund des Herrschers und zugleich Gatte von dessen Mätresse verfolgt ähnliche Pläne.

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So sieht Tony McNamara die Ausgangslage am russischen Hof aus heutiger Sicht. Aus der macht der Australier zu keinem Zeitpunkt ein Hehl, weswegen der Verweis „Kann Spuren von Wahrheit enthalten“ all jenen empfohlen sei, die die zehn Folgen als Ersatz für den Geschichtsunterricht statt als reine Unterhaltung betrachten. McNamara adaptiert mit der Serie sein eigenes Theaterstück und hat mit der frivol-frechen Anlage bereits einen Oscar für „The Favourite“ vergangenes Jahr eingeheimst.

Wodka immer und überall

Das soll keinesfalls das Erlebnis schmälern, denn „The Great“ kommt frisch, flott und mit immer neuen Ideen daher. Selbst die für Serien gelegentlichen Hänger wird man kaum finden. Sicherlich, manche Routinen wiederholen sich. Die Macher legen neben dem dümmlichen Getue des Herrschers und dessen erschreckend naiver Entscheidungsfindung immer wieder und vor allem Wert auf eine lockere Sprache, die vielleicht sogar so stattgefunden hat. Aber rein filmhistorisch betrachtet nicht wirklich zum Stoff passen will. Dass die Russen von früh an Wodka saufen und bei jeder nur möglichen Gelegenheit sich durch die Betten treiben, ist ein weiteres Klischee, dass die Serie fast schon tot reitet. Hier verspürt man dann auch irgendwann Ermüdungserscheinungen, wenn zwischen den Teilen zu wenig Zeit liegt.

Elle Fanning auf den Spuren von Helen Mirren

Während Nicholas Hoult tapfer und ausdauernd den tumb-geilen Zaren gibt, erweist sich Elle Fanning einmal mehr als Glücksgriff. Spätestens jetzt hat sie bewiesen, dass sie jede Rolle kann. Denn der Weg von naiver Prinzessin zur Herrscherin, die sich durchbeißt, ist ein langer und wechselvoller, anspruchsvoll dazu. Gleichzeitig ist sie hier der perfekte Gegenentwurf zu Helen Mirren, die in der Mini-Serie „Katharina die Große“ die Zarin im reifen Alter gab. Aber auch Phoebe Fox als bissige Kammerzofe sowie Adam Godley als sadomasochistischer Erzbischoff sollten unbedingt noch erwähnt werden, gleichwohl der gesamte Cast herausragend spielt.
Katharina die Große Russlands mächtigste Frau

Frankfurt (Oder)

Vielleicht beste Serie des Jahres

Zum Gesamterlebnis gehört allerdings auch, dass die Kulissen passen. Sowohl was den historischen Anspruch betrifft wie den Blick des heutigen Zeitgeistes auf das Geschehen. Wenn auch nicht in Russland gedreht, so sind die Örtlichkeiten wahrlich herrschaftlich und einem Zarenhof angemessen. So bleibt unterm Strich ein wirkliches Filmvergnügen, das zudem auch noch fast neun Stunden anhält. Hätte man nun noch die zehn Folgen auf BluRay statt nur DVD, also HD präsentiert, wär’s kaum auszuhalten gewesen. Aber auch so dürfte „The Great“ bei den Serien des Jahres ganz vorn, je nach Gusto gar an der Spitze, mit dabei sein.

The Great Staffel 1


Genre: Komödie; FSK: 16 Jahre; Laufzeit: 500 Minuten; Verleih: Paramount; Creator: Tony McNamara; Elle Fanning, Nicholas Hoult, Phoebe Fox; GB/Aus 2020