Deutschland im November 1989. Im Ministerium des Innern wird an einem neuen Reisegesetz geschrieben, das den Genossen im Zentralkomitee der SED, aber vor allem denen in der Hauptverwaltung Aufklärung der Staatssicherheit, ein Dorn im Auge ist. Ausgerechnet einer der ihren verhilft dem Entwurf aber an die Öffentlichkeit und öffnet damit am 9. November die Mauer.

Zur Not Attentat auf Krenz

Es ist Martin Rauch. Eigentlich hatte der sich seit seiner unbekannten Heldentat Mitte der 80er Jahre - als er unter Einsatz seines Lebens einen Atomkrieg verhinderte - auf einen ruhigen Posten zurückgezogen. Für Robotron Berlin verkaufte er, was man in der DDR für Computer hielt, „Bit für Bit gute Qualität“.
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Doch der Job war natürlich nur Tarnung. Denn als geheimer Kurier zwischen HVA und ZK hatte der Held des Friedens die delikate Aufgabe, höchst geheime und brisante Post zu überbringen. Darunter auch das neue Reisegesetz. Für den Fall, dass der neugewählte SED-Generalsekretär der Vorlage folgen sollte, war der Auftrag vom Genossen Fuchs, Chef der HVA, eindeutig. Ein paar Tropfen aus jenen Ampullen in Martins Zigaretten-Etui in den Kaffee und das Problem Reisefreiheit und Krenz hätte sich gleichermaßen erledigt. Rauch entschied sich anders, gab der Geschichte einen Schubs, der sich als großer für die Menschheit erweisen sollte und mit Schabowskis legendärer Pressekonferenz begann.

Unterhaltsame deutsch-deutsche Geschichte

Die finale Staffel der Deutschland-Serie beginnt ganz sicher mit einem Paukenschlag, den man sich hätte noch ausdenken müssen, wenn nicht Serien-Erfinder Anna und Jörg Winger dies schon getan hätten. Deren unterhaltsame Auslegung der deutsch-deutschen Geschichte ist damit aber noch lange nicht zu Ende. Denn auch weiterhin agiert Martin Rauch an den Meilensteinen der Historie, was ein wenig an „Sympathie for the devil“ von den Rolling Stones erinnert. OB RAF-Mord an Deutsche Bank Chef Herrhausen oder gar einem geplanten Attentat auf Helmut Kohl, immer ist Rauch nicht weit, wenn nicht gar direkt beteiligt.

Viel Wahrheit mit Dichtung

Die Verquickung von geschichtlichen Tatsachen mit Fiktion, die sich ohne Frage auch in Wirklichkeit so zugetragen haben könnte, war schon immer eine der großen Stärken der Serie - die u.a. mit dem „Séries Mania“-Award als „Beste Serie der Welt“ ausgezeichnet wurde. In den finalen Folgen wird dies nochmals verdichtet. Ob das Gebuhle der Dienste um die Ex-Stasi-Entscheidungsträger, deren Läuterung hin zu cleveren Geschäftsleuten oder vermeintlich reumütigen Zeitgenossen, der Fortbestand der Strukturen - köstlich die HVA im Exil in einer Villa am Comer-See oder der Verkauf der Staatsbank an die Deutsche Bank, wer will schon genau sagen, was Dichtung und was Wahrheit ist?

Echter Agenten-Thriller

Es schaut sich zumindest ebenso spannend wie unterhaltsam weg. Gleichwohl gibt es Unterschiede zwischen den Staffeln. Lebte und begeisterte der Auftakt noch von der unglaublich realistischen Atmosphäre der frühen 1980-er Jahre, so, wie sich DDR anfühlte, gipfelt der gleitende Übergang von Staffel zwei ins Finale hin zu mehr Thrill und Action in einem zeitweise astreinen Agenten-Krimi, in dem auch gefoltert, geschossen und getötet wird. Ob Ost oder West, das Gefühl geht dabei ein wenig verloren und auch mit Details nimmt es das Regie-Duo Soleen Yusef und Randa Chahoud nicht immer so ganz genau. Dass sich die HVA-Oberen mit Genosse anreden, aber nicht geduzt haben, mag noch als Kleinigkeit durchgehen. Dass aber zwei Sowjetsoldaten in Uniform einen LKW inklusive Kalashnikov klauen und damit unbehelligt von Berlin nach Rumänien durchfahren, darf man getrost auf die Wissenslücken der vielleicht zu jungen Regisseurinnen zurückführen. Einige zeitliche Sonderlichkeiten kämen noch on top.

Jonas Nay und Sylvester Groth herausragend

Dafür reißt der Cast alles raus. Jonas Nay als Martin ist ohne Frage mit seiner Hauptrolle gewachsen und eine ideale Besetzung. Den größten Unterhaltungswert allerdings bietet Sylvester Groth als dessen Vater und HVA-Spezi Walter Schweppenstette. Dessen Wandlungsfähigkeit ist einfach grandios. Für Maria Schrader bleibt nur die Rolle der verbiesterten Ewig-Gestrigen. Neu an Martins/Jonas’-Seite ist Svenja Jung. Ein eher undankbarer Job, denn die Geschichte hätte auch gut ohne sie funktioniert. Aber im Prinzip passt jede Besetzung fast perfekt zum jeweiligen Charakter.

Das Ende, oder vielleicht auch nicht

Zum vollständigen Genuss und Verständnis ist es fast am besten, die gesamte Serie in kurzem Abstand zu sehen. Ob dann der Schluss auch das Ende ist, bleibt abzuwarten. Die Filmemacher entlassen den Zuschauer gleich in mehrfacher Hinsicht zweideutig. Ein Wiedersehen nicht wirklich ausgeschlossen.

Deutschland 89


Genre: Krimi/Action/Drama; FSK: 12 Jahre; Laufzeit: 401 Minuten; Verleih: Leonine; Regie: Randa Chahoud, Soleen Yusef; Jonas Nay, Sylvester Groth, Svenja Jung; D 2019