Tagsüber gibt Cassie die mehr oder minder gelangweilte Mitarbeiterin eines Coffee-Shops. Abends zieht sie regelmäßig durch die Bars und Clubs, um sich die Kante zu geben. Zumindest macht sie zur vorgerückter Stunde den Eindruck völliger Hilflosigkeit in Folge ungehemmten Alkoholgenusses. Da dauert es meist nicht lang, bis sich ein hilfsbereiter Herr findet. Meistens nicht ohne Hintergedanken.

Vergeltung an übergriffigen Männern

Und tatsächlich widersetzt sich die Endzwanzigerin auch nicht, wenn es dann heißt „Wollen wir noch zu mir gehen?“. Doch der Abend findet für die aufgeheizten Männer kein erleichterndes Ende. Denn genau dann, wenn sie glauben, freie Bahn zu haben, ist Cassie wieder komplett nüchtern und zählt recht emotionslos auf, welcher Taten sich die Jungs gerade schuldig gemacht haben. Ein dickes Notizbuch füllt sie so mit Namen der Delinquenten. Das alles freilich ist kein Selbstzweck, sondern ihre besondere Art der Rache.
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Die wird noch befeuert, als sie Ryan wiedertrifft. Der hatte sie einst im Studium angehimmelt, war mittlerweile Kinderarzt. Cassy hingegen hat ihr Medizinstudium geschmissen, um einer Freundin beizustehen, die auf dem Campus einst von einer Gruppe Kommilitonen vergewaltigt worden ist. Sie ist auch der Grund für den Vergeltungsfeldzug der jungen Frau, für den sich mit dem Auftauchen von Ryan völlig neue Möglichkeiten ergeben.

Tragische Geschichte

„Promising Young Woman“ wird etwas zu unterhaltsam als „süße Rache“ angekündigt. Denn das Regie-Debüt von Emerald Fennell hat einen mehr als ernsten Hintergrund. Und der soll hier auch nicht verniedlicht werden. Zwar geht Carey Mulligan in der Hauptrolle die Sache mitunter lasziv an, doch spätestens an der Bettkante oder kurz später ist dann Schluss mit erotisch. So ist Cassie mitnichten der Vamp oder gar die Nymphomanin, die aus schierer Lust die Typen abschleppt. Alles folgt einem höheren Plan, der im Laufe der Handlung ebenso erzählt wird wie die tragische Geschichte, die dahinter steht.

Kein Vergleich zu Me-Too

Dabei ist die Regisseurin tatsächlich bemüht, das Ganze mit lockerer und leichter Hand in Szene zu setzten. Keine verbissener Racheengel, kein Angriff auf Würde und Unverletzlichkeit der übergriffigen Männer. Insofern fehlt dem Streifen, was der Me-Too-Bewegung meist anhaftet: Verkrampfheit. Dafür hat die Geschichte Biss bis zur Selbstaufgabe, denn ein happy end liefert Fennell nicht, im Gegenteil. Aber auch am tragischen Schluss triumphiert die Frau und wenn man so will, die Gerechtigkeit, die auch Opfer verlangt. Irgendwo zwischen Unterhaltung, Spannung und Genugtuung.

Promising Young Woman

Genre: Drama; FSK: 16 Jahre; Laufzeit: 114 Minuten; Verleih: Universal; Regie: Emerald Fennell; Carey Mulligan, Bo Burnham, Adam Brody; USA 2020