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"Ein Glücksfall für die Deutschen"

16.06.2017, 17:22 Uhr - Aktualisiert 18.06.2017, 14:52
Berlin (dpa) Die CDU-Vorsitzende und Bundeskanzlerin Angela Merkel hat ihren gestorbenen Amtsvorgänger Helmut Kohl als großen Europäer und Kanzler der Einheit gewürdigt. Man werde noch lange bewundern, wie entschlossen er und seine Mitarbeiter die Gunst der Stunde zur deutschen Vereinigung genutzt hätten. "Das war höchste Staatskunst im Dienste der Menschen und des Friedens", sagte Merkel am Freitag in Rom. "Helmut Kohl ist damit zu einem Glücksfall für uns Deutsche geworden."

Der Altkanzler starb am Freitag im Alter von 87 Jahren, wie sein Anwalt Stephan Holthoff-Pförtner der Deutschen Presse-Agentur mitteilte.

Seit einem Sturz und Schädel-Hirn-Trauma 2008 war Kohl schwer krank und saß im Rollstuhl. 2015 hatte sich sein Zustand deutlich verschlechtert, nach monatelangem Klinikaufenthalt kam er aber wieder zu Kräften. Im April 2016 hatte er zuhause in Oggersheim Ungarns Ministerpräsidenten Viktor Orban empfangen.

Kohl hat Deutschland von 1982 bis 1998 als Bundeskanzler regiert - 16 Jahre, so lange wie bisher niemand vor und nach ihm. Er war Wegbereiter der Europäischen Union und einer gemeinsamen Währung.Als sein größter Erfolg gilt die deutsche Wiedervereinigung. Kohl erkannte nach der friedlichen Revolution in der DDR 1989, dass das Fenster für die deutsche Einheit nur kurz geöffnet sein würde. Unter Hochdruck handelte er mit den Staats- und Regierungschefs der USA, Russlands, Großbritanniens, Frankreichs sowie den Verantwortlichen der Europäischen Union die Modalitäten dafür aus.Von 1969 bis 1976 war der geborene Ludwigshafener Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz, von 1973 bis 1998 war er CDU-Bundesvorsitzender. Anfang der 90er Jahre war Kohl Ziehvater von Angela Merkel in Bundesregierung und Partei. Wegen einer Spendenaffäre, in die Kohl maßgeblich verwickelt war, forderte Merkel Ende der 90er Jahre als damalige CDU-Generalsekretärin die Partei zur Loslösung vom Übervater auf. Ihr Verhältnis zu Kohl blieb bis zuletzt belastet.

Lebensdaten

1930: Geboren am 3. April in Ludwigshafen (Rheinland-Pfalz)

1947: Eintritt in die CDU

1958: Promotion nach Studium der Rechts-, Sozial- und Staatswissenschaften

1959: Mitglied des Landtags von Rheinland-Pfalz (bis 1976)

1960: Heirat mit Hannelore Renner (gestorben 2001), zwei Söhne

1966: Vorsitzender der CDU Rheinland-Pfalz (bis 1974)

1969: Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz (bis 1976)

1969: Vize-Bundesvorsitzender der CDU (bis 1973)

1973: Bundesvorsitzender der CDU (bis November 1998)

1976: CDU/CSU-Kanzlerkandidat, Vorsitzender der Bundestagsfraktion (bis 1982)

1980: CSU-Chef und Rivale Franz Josef Strauß wird Kanzlerkandidat

1982: Am 1. Oktober Wahl zum Bundeskanzler durch konstruktives Misstrauensvotum gegen Helmut Schmidt (SPD), CDU/CSU-FDP-Koalition

1983: Wiederwahl zum Kanzler nach vorgezogener Bundestagswahl, im November Durchsetzung des NATO-Doppelbeschlusses im Bundestag

1984: Hand in Hand mit französischem Präsidenten François Mitterrand auf Soldatenfriedhof in Verdun1985: Mit US-Präsident Ronald Reagan auf Soldatenfriedhof Bitburg

1987: 25. Januar Wiederwahl zum Bundeskanzler

1989: Im September "Putschversuch" gegen Kohl auf Bremer Parteitag

1990: Kohl stellt Weichen für Wiedervereinigung am 3. Oktober

1991: Am 17. Januar Wahl zum Kanzler im vereinten Deutschland

1992: Vertrag von Maastricht mit Weichenstellungen zur Europäischen Verfassung und Währungsunion

1994: Letzte Wiederwahl zum Bundeskanzler

1998: Niederlage bei Wahl, Ende der Kanzlerschaft am 26. Oktober nach Rekordamtszeit von mehr als 16 Jahren

1998: Abgabe des CDU-Vorsitzes, Annahme des Ehrenvorsitzes

1999: Im Dezember Eingeständnis, von 1993 bis 1998 nicht ausgewiesene Parteispenden entgegengenommen zu haben

2000: Rückgabe des CDU-Ehrenvorsitzes wegen der CDU-Spendenaffäre2001: Einstellung des Ermittlungsverfahrens gegen Geldbuße

2002: Ausscheiden aus dem Bundestag nach 26 Jahren

2008: Klinikaufenthalt nach schwerem Sturz im Februar, Schädel-Hirn-Trauma, im Mai Heirat mit Maike Richter in Reha-Klinik

2009: Ende Oktober gesundheitlich angeschlagen bei Feierstunde der Adenauer-Stiftung zum 20. Jahrestag des Mauerfalls

2010: Januar/Februar Klinikaufenthalt wegen Gallenblasen-Operation

2011: Im Juli kommt Kohl nicht zu Gedenkfeier am zehnten Todestag seiner Frau Hannelore

2012: Im Februar erhält Kohl Herzschrittmacher und neue Herzklappe

2012: Im September erster Auftritt vor Unions-Bundestagsfraktion nach 10 Jahren und Festakt der Konrad-Adenauer-Stiftung zum 30. Jahrestag von Kohls erster Kanzlerwahl

2013: Reha-Aufenthalt am Tegernsee2014: Rechtsstreit mit seinem früheren Ghostwriter Heribert Schwan

2014: Im November stellt Kohl in Frankfurt am Main sein Buch "Aus Sorge um Europa" vor, er ist sichtlich angeschlagen

2014: Im Dezember nimmt Kohl in Dresden an einem Festakt zum 25. Jahrestag seiner Rede vor der zerstörten Frauenkirche teil

2015: Im Mai Hüft-Operation, anschließend Darm-Operation

2016: Im April empfängt er zu Hause Ungarns Regierungschef Viktor Orban

2017: Am 16. Juni stirbt Kohl

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Norbert Gillmeister 18.06.2017 - 15:10:10

Kohl-Kanzler ein Glücksfall?

H. Kohl wird jetzt in div. Medien als Kanzler der Wiedervereinigung dargestellt. M.E. war er zum Zeitpunkt dieses Ereignisses zwar Kanzler. Wie sieht es jedoch mit den Aktivitäten von Brandt und Bahr etc. aus? Waren diese nicht überhaupt während der sozialliberalen Koalition, die Architekten der Wiederveinigung? Nebenbei wird auch bei Gesprächen in Hinblick auf Kohl, die damalige Spendenaffäire erwähnt. Als CDU-Spendenaffäre oder Schwarzgeldaffäre wird allgemein die 1999 aufgedeckte illegale Spendenpraxis der CDU in den 1990er-Jahren unter dem damaligen CDU-Parteivorsitzenden und Bundeskanzler Helmut Kohl bezeichnet. Was ist der Grund, dass Medien hierauf nicht eingehen?

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