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Eine wahre Herzensangelegenheit

Hans Still / 08.11.2015, 19:44 Uhr
Bernau (MOZ) Innovationen aus der Herzmedizin standen am Sonnabend im Mittelpunkt des 23. Tages des Bernauer Herzzentrums. Mehrere hundert Menschen nutzten bei dieser hoch professionellen Präsentation die Gelegenheit, in der Aula des Paulus-Praetorius-Gymnasiums auf einer Leinwand komplizierte Operationen live zu verfolgen.

Kein Stuhl bleibt frei, einige Besucher lehnen sich an die Seitenwände der Aula und verfolgen gebannt, wie Dr. Martin Seifert, Oberarzt der Kardiologie am Immanuel Klinikum Bernau Herzzentrum Brandenburg, den kleinsten Schrittmacher der Welt implantiert. Micra nennt sich der Lebensretter, der mindestens zehn Jahre lang kabellos funktionieren soll und mit seinen Abmessungen eher an ein Vitaminpräparat als an ein hochkompliziertes technisches Gebilde erinnert. "Der Herzschrittmacher wird mittels eines Katheters minimalinvasiv durch die Vene in der Leiste implantiert", kommentiert dazu Professor Dr. Christian Butter, Chefarzt der Kardiologie, das Geschehen im Herzkatheterlabor 3.

Der 1953 geborenen Patientin soll der Herzschrittmacher das Leben verlängern, denn die Spezialisten haben zuvor mittels eines so genannten Event-Recorders die Ursache ihrer mehrfachen Ohnmachtsanfälle ermittelt. "Der Event-Recorder zeichnet die Herztätigkeit auf. Daher wissen wir, dass das Herz mehrere, bis zu sechs Sekunden lange Pausen macht. Immer dann kommt es zu den Schwindelanfällen", berichtet der Chefarzt dem Publikum.

Wenig später folgt eine weitere Operation - Oberarzt Dr. Thomas Claus setzt eine Herzklappe ein, in der Aula kommentiert Professor Dr. Johannes Albes, Chefarzt der Chirurgie, die einzelnen Handgriffe. Oberarzt Claus arbeitet mit seinem Team unter Zeitdruck. Das Herz der 84-jährigen Patientin ist abgeklemmt, eine Herz-Lungen-Maschine versorgt das Gehirn mit Sauerstoff. Die Zuschauer bekommen live zu sehen, wie präzise der Operateur die neue Klappe einsetzt, sie mit Fäden fixiert, die Funktionsprobe durchführt und anschließend, nach zirka 22 Minuten, die Operation zu Ende bringt.

Der Blick auf das Publikum offenbart die Faszination, die von diesem Geschehen auszugehen scheint. Berührt halten einige Gäste die Hände vor den Mund, andere atmen immer wieder tief durch und bei fast allen Zuschauern weicht der Blick nicht eine Sekunde lang von der Leinwand. Am Ende klatschen die Zuschauer erfreut und irgendwie auch erleichtert Beifall, denn alle Operationen nehmen ein gutes Ende.

Jana Breuer aus Stolzenhagen hat von alledem allerdings wenig mitbekommen, sie hält sich lieber auf den Gängen des Gymnasiums auf. "Mir ist das nichts, aber meine Tochter schaut sich das sehr interessiert an. Sie war selbst einmal in der Situation, dass ihr Leben von der Kunst der Ärzte abhing", berichtet die blonde Frau. Gerademal 20 Tage war die heute 16-jährige Tochter Anna-Katharin damals alt, als sich bei einer Herz-Ultraschall-Untersuchung herausgestellt hatte, dass die Aorta bis auf einen Millimeter verschlossen war. Die Operation in letzter Sekunde rettete dem Säugling das Leben. "Heute macht sie ihr Abitur und möchte eventuell selbst einmal Ärztin werden. Und natürlich will sie wissen, was da damals bei ihr gemacht wurde", erzählt die Mutter.

Der Berufswunsch Ärztin spielt auch für Julia Kühn eine große Rolle. Die Schülerin der 11. Klasse kommt aus Melchow, besucht in Eberswalde das Gymnasium und steht mit ihrem Papa Ronald Kühn an einem Bus an, in dem in der Pause genau die Instrumente gezeigt werden, mit denen die Operateure so erfolgreich gearbeitet hatten. "Wir sind Jahr für Jahr hier. Es ist einfach interessant anzusehen, und schließlich werden wir ja alle nicht jünger", erklärt Kühn seine jährlichen Besuche. Dabei klammert er nicht aus, dass er als Angestellter des Barnimer Gesundheitskonzerns GLG durchaus eine beruflich bedingte Affinität zum Thema mitbringt. Seiner Tochter konnte er diese Begeisterung offenbar weitergeben -sie könnte sich heute vorstellen, das höchst anspruchsvolle Medizinstudium anzustreben. "Vielleicht wird es ja was, mit dem Blut habe ich bislang jedenfalls keine Probleme", lässt die Jugendliche locker durchblicken.

"Anfassen, zerren und zurren Sie an den Instrumenten", schickte Professor Butter die Gäste zuvor in die Pause. Zugleich nutzt er die Leistungspräsentation des Herzzentrums, um die Arbeit seiner Kollegen zu würdigen und natürlich, um für Vertrauen in die Professionalität der Ärzte zu werben.

Immerhin absolvieren die hoch spezialisierten Teams der Kardiologie und der Herzchirurgie jährlich 1400 Operationen am offenen Herzen, sie bewältigen 4500 Herzkathedereingriffe oder führen 300 Ablationen (Verödungen) durch. 20 Ärzte gehören zur Herzchirurgie, die Abteilung Kardiologie besteht sogar aus 27 Ärzten. Nicht zu vergessen sind die 60 Anästhesisten, die Schwestern und alle anderen Mitarbeiter, die zum Erfolg beitragen. "Die Fehlerquote bei diesen modernen Eingriffen wie Herzklappen oder Herzkatheter liegt unter zwei Prozent", berichtet der Professor stolz von den Herzensangelegenheiten des Klinikums.

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Herzmedizin Jana Breuer Herzensangelegenheit Thomas Claus Mitbekommen

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