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IHP

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Im Institut für Mikroelektronik Frankfurt (Oder) arbeiten über 300 Menschen, ein guter Teil davon Wissenschaftler. Jeden Tag forschen sie an innovativen Lösungen für die Luft- und Raumfahrt, die Biotechnologie, die Automibilindustrie oder die Medizin. Finanziert wird das jährlich gut 30 Millionen teure Prestigeprojekt vom Land Brandenburg, dem Bund und aus Fördermitteln der EU.

© Foto: Heinz Köhler

Halbleiterbranche
Gute Ideen, aber zu wenig Produkte

Ina Matthes / 01.10.2019, 18:45 Uhr
Zeuthen (MOZ) Es ist eine der  internationalen Top-Konferenzen, zu der Wissenschaftler und Industrie in Zeuthen zusammenkamen. Doch wie kann Europa mehr aus seiner Spitzenforschung machen?

Ein Reiskorn ist riesig im Vergleich zu diesem Computer. Er ist 0,3 mm breit und ebenso lang – klein wie ein Sandkorn. Der kleinste Rechner der Welt. Künftig soll er in Tumorzellen geschleust werden, um zu ermitteln, wie gut eine Krebstherapie wirkt.

Für Miniatur-Technik wie diesen Rechner schaffen Materialforscher die Grundlagen. Wissenschaftler, wie die Männer und Frauen, die die vergangene Woche im Seehotel in Zeuthen bei Berlin verbracht haben. Rund  120 Wissenschaftler aus 24 Ländern sind  zur Konferenz GADEST gekommen. Australier und Japaner sind neben Deutschen die am stärksten vertretenen Nationen. Die Konferenz ist ein internationaler Dauerbrenner aus Frankfurt (Oder). 1985 hat der Frankfurter Wissenschaftler Prof. Hans Richter sie initiiert. Und damals einen Kollegen eingeladen, der von 18 GADEST-Treffen nur eines versäumt hat – Hermann Grimmeiss. "Hier sind immer Top-Wissenschaftler. Auf der GADEST hören Sie das Neueste", sagt der 89-jährige Professor, der eine enge Beziehung zu Frankfurt (Oder) hat. Grimmeiss war nach der Wende im Gründungssenat der Universität Viadrina und 1991 Gründungsdirektor des heutigen Leibniz-Instituts für innovative Mikroelektronik IHP.

Das IHP hat die GADEST-Konferenz in Zeuthen organisiert. Sie bringt Spitzenforscher zusammen, die das Material verbessern wollen, aus dem Computer-Chips hauptsächlich bestehen – Silizium. Firmen wie Infineon oder der japanische Hersteller Sumco sind gleichfalls gekommen. "Wir wollen Brücken schlagen zwischen akademischer Forschung und Industrie", sagt Hans Richter. Das sei ein Anliegen der Konferenz von Anfang an.

Wie aber Forschung und Industrie insgesamt in Europa zusammengehen, das sieht sein Kollege Hermann Grimmeiss mit Sorge. In Europa werde mehr Fördergeld pro Kopf  für Forschung ausgegeben als anderswo in der Welt. "Wir haben das Problem,  dass Forschungsergebnisse nicht effizient genutzt werden für neue Produkte auf dem Weltmarkt." Unter den fünf weltweit führenden Unternehmen in der Mikroelektronik, die zusammen einen Marktanteil von 55 Prozent haben, sei keine europäische Firma. Der Marktanteil aller europäischen Unternehmen in der Mikroelektronik sei auf unter zwei Prozent gesunken, sagt Grimmeiss. Angesichts der Tatsache, dass über 60 Prozent aller Produkte elektronische Bauteile enthielten, sollten europäische Entscheidungsträger dieses Ungleichgewicht sehr ernst nehmen.

Denn auch in Branchen, in denen Europa bislang stark ist, wird der Anteil von Elektronik nach Einschätzung von Schweizer Experten wachsen. Steckt heute in einem Auto Halbleitertechnologie für fast 300 Euro werden es bald rund 730 Euro sein.

Seit mehr als 20 Jahren werde darüber diskutiert, sagt Grimmeiss, dass in Europa aus Ideen zu wenig Produkte werden. Aber ohne Ergebnis. Der Physiker, der Anfang der 1980er-Jahre für den Technologiekonzern Ericsson arbeitete, sieht die Ursachen in einer ineffizienten Forschungspolitik. Es gibt aus seiner Sicht zu wenig Verständnis auf Seiten der Politik für wissenschaftlichen Fortschritt. Es fehlten kompetente Entscheidungsträger. Auch seitens der Industrie gebe es zu wenig Interesse an neuen Ideen.

Auf der Konferenz in Zeuthen sind auch asiatische Wissenschaftler und Industrievertreter dabei.  "Die spielen mehr zusammen", sagt der Fußballfan Grimmeiss. Beide Wissenschaftler sehen Europa aber nicht chancenlos im Vergleich zu Asiens übermächtiger Halbleiterproduktion. Richter verweist auf das Beispiel des Herstellers Infineon in Sachsen, der sich durch  hoch automatisierte Fertigung behauptet. Neue Möglichkeiten ergeben sich auch durch die Fortschritte in der Entwicklung von Materialien und Technologien für die Chipindustrie. Heute werden mehr als zehn Milliarden Transistoren – Schaltelemente – auf einen einzigen Chip gepackt. Damit lassen sich Mini-Geräte in der Medizin herstellen – wie den kleinsten Rechner der Welt. In der Medizin  sieht Grimmeiss  gute Chancen für europäische Hightech-Produkte. Der schwedische Wissenschaftler setzt seine Hoffnung auf eine bessere Forschungspolitik in Europa vor allem auf bessere Information und demokratische Prozesse – darauf, dass Wähler sich für kompetente Politiker entscheiden.

Der Schwede und der Deutsche sehen auch ihre Verantwortung als Wissenschaftler. Auf der GADEST kommen europäische Forscher und Industrievertreter zusammen – aber die Konferenz wolle den Dialog noch stärker fördern. Die nächste Gelegenheit bietet sich in zwei Jahren in Österreich, wo die GADEST dann tagt. Für Hermann Grimmeiss sind  viele der GADEST-Kollegen zu Freunden geworden. "Es gibt Kollegen, die in der ersten Zeit schon dabei waren. Und die jungen Leute von damals bringen heute die neue Generation von Wissenschaftlern mit."

Der kleinste Computer der Welt

Passt locker auf ein Reiskorn: Der kleinste Computer der Welt wurde 2018 von Wissenschaftlern der Universität von Michigan in den USA vorgestellt. Das Gerät ist in der Lage, kleinste Temperaturunterschiede in Gewebe zu messen. Dadurch lässt sich ermitteln, wie sich ein Tumor entwickelt und ob eine Therapie anschlägt. Auch für die Behandlung von Grünem Star ist er interessant. ⇥red

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